Von Werner Haftmann

Eines Tages wird mein ehemaliger Freund Elio Vittorini ein bestimmtes Buch schreiben. Für diese? Buch verfasse ich dies Nachwort und sende es als eine Art von Kartengruß an die Freunde in der Welt. Sie werden mir das Thesenhafte meiner Formulierungen eher nachsehen, wenn sie beim Lesen stets des zusammenfassenden und zurückweisenden Charakters eingedenk bleiben, der hinein Nachwort rechtens zukommt. Und schließlich verdanken sie mir eine außerordentliche, eine geradezu surrealistische Situation: mein Nachwort, das ein erst noch zu schreibendes Buch voraussetzt, selbst aber schon existiert, löst die starre Zeitfolge auf und beschwört ein winziges Teilchen Zukunft herauf.

*

Ich beginne mit der Aussage, daß der Antrieb zum Pathos der Tat – zu dem, was im menschlichen Geschlecht eben geschah und geschieht – heute nicht mehr die Kraft ist, sondern die Sorge. Die Sorge ist keine apokalyptische Macht, sondern eine klar erkannte dunkle "Figur", deren Existenz und Umriß dem Denkenden heute so klar im Bewußtsein steht wie das Tugendbild Platös im Bewußtsein der Antike. Die Propheten der Sorge um die Zukunft unserer alten Länder – Spengler und dessen Nachfolger bis zu Huizinga – haben von der Sorge, insofern sie geschichtlich in der Gegenwart wirkt, ein sehr klar umrissenes Bild entworfen. Auch die antifaschistische. Literatur hat in ihrem kritischen Teil viel zu der "Sorgenstimmung" beigetragen. Bis in das Gefühl des "Mannes hinter dem Schalter" ist sie heute schon gedrungen. Er schlägt mit der Faust auf den Tisch und quält sein Publikum vor Sorge. Das heißt, weil er Angst hat! Er hat Angst vor einem Verlust, den er als Mann hinter dem Schalter zu zählen weiß, und er hat außerdem noch vor ETWAS Angst.

Der Gebildete scheint es einfacher zu haben – er denkt nach! Trotzdem hat auch er Angst. Die Angst beeinflußt sein Denken und verbindet sich mit den dunklen Mächten des Draußen. Er nennt das Metaphysik, indem er zugleich unsicher fragt: Was ist Metaphysik? – Aus der großen Angst vor dem HERRN hat Kierkegaard den Begriff der Angst in Bezug zur Metaphysik gesetzt. Ferner hat uns Heidegger in seiner dunklen, romantischen Sprache die Philosophie der Sorge geschenkt, die Frucht eines gewissenhaften logischen Durchforschens der Ich-Erfahrung: die ehrliche Philosophie der Gottverlassenheit. (Der Gläubige wird das mit Eifer bestätigen: Gott hat sichtbar die Welt verlassen.)

Alle europäischen Länder sind heute vom existentialen Philosophieren erfaßt. Natürlich bedeutet der Existentialismus auch eine Mode – in Deutschland am wenigsten, da ist er Herzenssache. Vielleicht auch in Frankreich, wo er durch J. P. Sartre und andere aus den hohen Bereichen der Philosophie in die untertunnelnden Kanäle des verzweifelten Verismus und Surrealismus der modernen Literatur übergeleitet wurde. Selbst in Italien hat er – mirabile dictu – Fuß gefaßt als eine Art Gegenmittel gegen den klassischen Idealismus Croces und Gentiles. Kein Zweifel, die Philosophie der Sorge ist heute die erregendste Philosophie der Gegenwart.

Die nicht sehr zahlreichen Aktivisten Europas haben die Formeln Heideggers angenommen, insofern sie aus der Philosophie der Ich-Erfahrung den "Kult des Lebens" (Huizinga) begründen können. Sein Zentralbegriff der Sorge aber wurde von ihnen optimistisch in freie Kraft umgedeutet. Ernst Jünger scheint sich mir ebenfalls in jener Region, jedoch auf dem eisigen Grat zwischen dem Abgrund des "Lebens" und dem der "Sorge", in äußerster Gefährdung zu bewegen. Hierzu hat eine hochromantische Deutung Nietzsches entscheidend beigetragen. Doch muß sogleich angemerkt werden, daß dadurch die Sorge nicht überwunden wurde; Aktivismus und romantische Sehnsucht nach "männlicher Figur" haben sie lediglich übertönt. Diese "männliche Figur" aber erscheint mehr oder weniger vom Rethorisch-Künstlerischen bestimmt; denn auch sie ist bislang nicht historisch zu legitimieren. Sie kann bestenfalls entstehen aus "eingestelltem" romantisch-eiligem Lesen germanischer Heldensagen oder aus phantastisch-träumendem Hören von Wagner-Opern. Die "männliche Figur" darf als ein typisches Produkt der Gegenwart gelten (wie der "Arbeiter" von Ernst Jünger): ein Wunschbild von Männern, die aus tiefer Angst handeln und bramabarsierend darüber hinweggehen. Manchmal hörte man das auch im Gesang der Soldaten. Wie eine Sehnsucht nach der tabula rasa schweift dieser Aktivismus der europäischen Gegenwart aus, und darum ist er heute so destruktiv. Man hofft, im Abbau auf den letzten Grund zu kommen, auf die Wurzel der Kultur.