Von Jan Molitor

Was nützt es der Jugend, wenn die Älteren esbesser wissen? Wenig, vielleicht gar nichts! Die Jungen haben im Leben das Zweifeln, das Fürchten gelernt. Sie wurden heraus aus den Schulklassen in den Krieg hineingerissen und zuletzt auf die Schulbank zurückentlassen. Sollen, sie so tun, als ob nichts gewesen wäre? Sollen sie es glauben, wenn sie nun wieder lernen dürfen: Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir? Ach was, die Jugend hat wahrscheinlich ganz andere Sorgen! Ist es so, Micha? Ist es so, Gisela? – Die Jugend zieht es vor zu lächeln...

Plötzlich steht einer dieser Jungen auf der Bühne seiner Schulaula: der Primus der Klasse. Und auf den Bänken, zwischen jungen Leuten, sitzen die Lehrer, die Eltern und andere Erwachsene. Und die Mütter sind bereit, stolz auf ihre Söhne zu sein, die nun Theater spielen werden, und sind entschlossen, selbst „wieder jung zu werden“, weil sie ja selbst vor Zeiten auch einmal... Die Väter räuspern sich und hätten eigentlich noch im Büro zu tun. Diejenigen unter den Erwachsenen, die als „Interessenten“ eingeladen wurden und die ebenfalls ein wenig verlegen sind, weil, sie so lange nicht in einer Schule waren, blicken sachlich drein und Wirten ab. Die Studienräte, die blaß und überarbeite aussehen – kein Wunder bei den überfüllten Klassen! –, haben die freundlichen Mienen überlegener Ermunterung aufgesetzt. Sie fürchten wohl kaum eine Überraschung. Aber es gab einen alten Griechen, der hellsichtig – dunkel sprach: „Es ist weder so noch so, sondern auf keine Weise von beiden.“ So wir uns recht erinnern, wurde dieser, Satz in der Schule nie gelehrt.

Der Primus spricht. Die magere Beleuchtung wirft Schatten in sein mageres Jungengesicht. Er schaukelt den Oberkörper hin und her, und wenn er die Hand lebt, zittert eine Winzigkeit von Verlegenheit mit, aber seine Augen schauen ruhig in den Saal, auch ruhig dorthin, wo die Studienräte sitzen. Ob es ihn wohl nicht mehr gibt: den Machtkampf zwischen Schülern und Lehrern? Ob der Lehrer, wenn er im Unterricht vom Katheder aus die Klasse ermunternd-freundlich überblickt, eine Ahnung hat, daß nicht wenige dieser Jungen wahrscheinlich Sorgen haben, die mit keinem Wort bei Horner erwähnt werden, ganz bestimmte Sorgen, die Spekulationen nämlich, wie sie die Gelder wieder hereinbekommen, die sie im Schwarzhandel aufs Spiel setzten?

Was sagt der Primus? Er spricht vom „Wir“,er sagt: „Wir, die Jugend.“ Er gräbt eine tiefe Kluft zwischen Alt und Jung, er ist höflich dabei, spricht ein wenig abstrakt, er ist ein guter Primus, ein Sprecher für alle. Er sagt nicht, was die Jugend will; er sagt, was sie nicht will. Er gleitet dabei nicht ab, er bleibt beim Thema. Und da diese Hamburger Schule ein humanistisches Gymnasium ist, heißt das Thema: Geistige Entscheidung. Also: sie haben die Sophokleische „Antigone“ gelesen. Sie wollen sie nicht spielen. Er sagt: „Wir haben uns für Anouilh entschieden...“

Der Vorhang geht auf, das Spiel beginnt. Wie gut, daß wenigstens ein Zeugnis einer schönen Schulaufführung geblieben ist, ein Merkmal, das auch früher in den „guten alten Zeiten“ schon galt, nämlich: diejenigen Mütter, deren bester Zug die liebende Ahnungslosigkeit ist, können sich freuen. Niemand bleibt stecken im Text; die Jungen und auch die Mädel, die sich ihnen zugesellten, haben sich alles überlegt, sie wissen, wo sie die Stimme heben und senken müssen und wissen sogar, wohin mit den Händen. In dieser Hinsicht sind die Mütter erleichtert und dürfen es sein. Aber in anderer Hinsicht? Und dürfen die Vater, die Lehrer, die anderen „interessierten“ Erwachsenen erleichtertsein?

Michael, lang aufgeschossen, sonst ein zurückhaltendes Wesen, immer im Nachdenken versunken, oft etwas egozentrisch aus Nachdenklichkeit und mit seiner leicht vornübergebeugten Haltung – „Junge, geh gerade!“ – der Typ des jungen Deutschen, der sich schon krümmt, ein Intellektueller zu werden – aber im Kriege, .mitten im Dreck, war auch er –, Michael also spielt den Kreon, den König im Frack. Woher hat er den müden Ton des alten Mannes? Woher weiß er – und er muß es im Tiefsten wissen, sonst spielte er den Kreon nicht so gut! –, wie die skeptischen Alten, die „Klugen“, sich bewegen und in welchem sachlich-verdammten Tonfall sie dogmatisch reden, wenn sie der Jugend mit gutgemeinter Tyrannei des Unverstandes den Weg versperren, zu leben, wie die Jugend leben will, oder auch zu sterben, wie sie sterben will? Man spürt es: da Michael den alten Kreon spielt, freut er sich – jung wie er ist – über die „Bombenrolle“. Aber da er in diese Rolle hineingetaucht ist, verachtet er sich selbst, weil er alt und klug sein muß und nicht bei der Jugend sein darf. Doch ist er sich dessen bewußt?