Als Yves Farge die Todesstrafe für Sehwarzmarkthändler durchsetzte, horchte die Welt auf. Sie vernahm zugleich, daß Yves Farge "der" französische Politiker der Zukunft sei und das Zeug in sich habe, Frankreich von Grund auf zu reformieren.

Dieser 48jährige Politiker war vor dem Kriege als Journalist am "Progr de Lyons und während der deutschen Besetzung in der Widerstandsbewegung tätig. Er wurde sehr bald ein maßgeblicher Führer des linksradikalen Flügels der Widerstandsbewegung, trat aber zunächst nicht weiter in Erscheinung, weil er mit der "Umgebung" von de Gaulle erhebliche Meinungsverschiedenheiten hatte. Als der Kreis um de Gaulle tträ<ktrat, gewann Yves Farge an Einrfliiß. Ende Juni wurde ihm aas verääfwottungsvoffe Amt eims Ernährungsministers angeboten, obgleich er zu keiner der drei großen Parteien gehört. Seit Übernahme seines Amtes sind erst gut Vier Monate verstrichen — und schon stößt er auf solche Schwierigkeiten, daß ein Fiasko seiner Ministertätigkeit von vielen erwartet "wird. Als er nämlich kürzlich im Mimsterrat verlangte, daß bei der Erfassung der Lebensmittel bei den Bauern schärfer vorgegangen werden sollte, verweigerten ihm seine Kollegen die Gefolgschaft.

Kurz vorher hatte Yves Farge im Kampfe gegen den Schwarzen Markt schon ein schärferes Rationierungssystem eingeführt. Aber diese Maßnahmen hatten zu einem Streik der Bauern und zu einer wesentlichen Zuspitzung der Ernährungsknse geführt. Gerechtfertigt hatte Yves Farge die damaligen Maßnahmen und die jetzigen Forderungen vor allem mit dem Umsichgreifen des Schwarzen Marktes und mit den vielen Skandalen (Allein sechs große Skandale werden registriert ) Der wichtigste betrifft den Umsatz von bewirschaftetem algerischem Wein am Schwarzen Markt, andere Textilien" und Sehuhwaren. Die Namen maßgeblicher Politiker werden genannt. Führende Beamte wurden verhaftet. Die Parteien erklären, daß sie unbelastet seien und den Ernährungsminister in seinem Kampf gegen die Korruption unterstützen. Die" Bevölkerung ist sehr erregt Man hat das Gefühl, daß täglich irgendwelche Dinge "platzen" und einige dieser Skandale ein Maß erreichen könnten, das weit über das des Stavisky Skandals hinausgeht — aber man hat auch den Eindruck daß überall gebremst und alles getan wird, um den" Elan von Yves Farge zu stoppea. Yves Farge steht trotz aller gegenteiligen Bemerkungen offensichtlich allein in seinem Ringen um ein neues Frankreich. Mit seinem Kampf um die Lebensmittelbewirtschaftung hat er sich auf das schwierigste Gebiet gewagt, auf ein Gebiet, auf dem auch die deutschen Besatzungsbehörden sich nicht hatten durchsetzen können, obgleich sie schärfer durchgreifen konnten. Die Bewirtschaftung der Lebensmittel scheiterte damals und wird in Frankreich immer wieder scheitern an der individualistischen, dickköpfigen Haltung der Bauern, an dem leidenschaftlichen Verlangen der Franzosen, Gesetze zu umgeben und den Staat zu betrügen, und an der engen Verbundenheit zwischen Stadt und Land. Dank dieser Momente gibt es aber in Frankreich einen "Grauen" Markt, der harmloser und billiger als der Schwarz® die Grundlage der französischen Lebensmittelversorgung während des Krieges war und auch heute ist. Yves Farge will trotzdem eine schärfere Rationierung und Erfassung der Lebensmittel, weil er ein neues Frankreich der Ordnung, der staatlicheri Führung und der sozialen Gerechtigkeit will Aber stärker scheint doch das alte Frankreich zu sein, das sich fern und frei vom Staate am wohlsten fühlt, das Frankreich des Savoir vivre. Dies Frank? reich ist zwar empört über Skandale, aber liebt staatliche Bewirtschaftung noch weniger und glaubt, daß der Riemen wieder etwas gelockert werden kann, wenn die staatliche Bevormundung aufhprt. Viele Minister, in Ungewißheit über die bevorstehenden Wahlen, nahmen wohl geiade deswegen auf die Meinung dieses Frankreich stärkere Rücksicht als auf das Wollen des in Yves Farge verkörperten neuen Frankreich. Verfassungen kommen und gehen, politische Systeme mögen sich ständig ändern, aber Frankreich bleibt das alte, sich ewig gleiche. Das muß nun auch Yves Farge erfahren. G.