In der Frühe des 6. April 1941 zog eine kleine Gruppe britischer Offiziere und alliierter Korrespondenten unter dem Schutz eines Panzerspähwagens in Addis Abeba ein. Kurz und sachlich, ohne demütigendes Zeremoniell, vollzog sich die Kapitulation der Italiener. Kurz darauf hielt Haile Selassie I., „Kaiser von Äthiopien, König der Könige, Siegreicher Löwe von Juda und Auserwählter Gottes“, wieder seinen Einzug in Addis Abeba. Er begann sofort mit dem Wiederaufbau. und mit Reformplänen, die er im Exil ausgearbeitet hatte. Von seinem Ministerpräsidenten, Makonnen Endalkatscheou, unterstützt, führte er zunächst eine Verwaltungsreform durch. Das Land wurde in zwölf Provinzen eingeteilt, an deren Spitze je ein Generalgouverneur steht, der von Provinzialausschüssen mit beratenden Funktionen unterstützt wird. Jede Provinz ist in drei bis vier Bezirke mit einem Gouverneur unterteilt. Die Provinzialgouverneure sind unmittelbar dem Innenministerium verantwortlich. Die „Rasse“, die einst mächtigen Feudalherren, führen die Namen ihrer früheren Herrschaftsgebiete nur noch als Titel. Der Kaiser hat sie an seinen Hof gezogen. Dort bilden sie den Thronrat und sollen den Grundstock einer abessinischen Beamtenschaft abgeben. Es folgte die Neuordnung des Gerichtswesens. Ein abessinisches Gesetzbuch, in dem sich Elemente der juristischen Tradition des Landes mit modernen angelsächsischen Rechtsbegriffen glücklich vereinigen, wurde geschaffen. Abessinien erhielt einen Obersten Gerichtshof. Zwei seiner Richter sind Engländer.

Die Abschaffung der Sklaverei im Sommer 1944 bedeutete einen tiefen Eingriff in die wirtschaftliche Struktur des Landes. Zum ersten Male wurde diese Maßnahme tatsächlich durchgeführt und blieb nicht nur toter Buchstabe wie ähnliche Gesetze zuvor. Zu einer unerträglichen Belastung hatte sich ausgewirkt, daß ein Teil der Bevölkerung durch die Italiener einseitig in den Genuß eines überhöhten Lebensstandards gekommen war. 120 Millionen Pfund Sterling hat Italien in den fünf Jahren seiner Herrschaft für die Verwaltung und für den Bau von Straßen, Hospitälern und Schulen ausgegeben. Ein Teil der abessinischen Bevölkerung hat hierdurch direkt oder indirekt profitiert, sei es als Angestellter oder Arbeiter der Italiener, sei es als Lieferant der italienischen Verwaltung. Diese Koionisationsmethode hat eine äußere Fassade errichtet, die nicht dem Niveau der Bevölkerung entspricht.

Im ganzen Lande gibt es nur sechs einheimische und sechs ausländische Juristen. Es gibt einen einzigen abessinischen Aut. der jedoch zu alt ist, um noch zu praktizieren. Erst vor zwei Jahren ist unter den Auspizien des British Council die erste Höhere Schule des Landes in Addis Abeba eröffnet worden; Haile Selassie und die abessinische Regierung sehen, ihre Aufgabe darin, das Volk zu erziehen und füreinen modernen Staat reif zu machen. Es wird hierbei keineswegs an eine schematische Übernahme westlicher Lebensformen gedacht, sondern Abessinien will seine Tradition und seine Eigenart in das moderne Leben hineinnehmen. Der Privatsekretär des Kaisers, der Philosoph und Dichter Ata Taffara Worq, ist die treibende Kraft, und Haile Selassie läßt ihm weitgehend freie Hand. Amerikanische Ingenieure, Landwirte und Geologen sind nach Abessinien gerufen.worden. Schweden, das sich bei den Abessiniern einer besonderen Beliebtheit erfreut, hat Ärzte, Lehrer und Techniker gesandt.

Auch Großbritannien hat neben der Militärmission, den beiden britischen Richtern des Obersten Gerichtshofes und den offiziellen Beratern der abessinischen Regierung viele Fachleute in Abessinien. Die Stellung Großbritanniens in Abessinien ist schwierig. Ein Engländer, der lange in Abessinien lebte, erklärte vor kurzem: „Für die Abessinier ist Großbritannien wie eine Schwiegermutter – ein notwendiges Übel, dessen man sich möglichst bald entledigen möchte.“ Der anglo-äthiopische Vertrag vom 19. Dezember 1944 enthält ebenso wie das vorläufige Abkommen zwischen den beiden Ländern im Jahre 1942 eine ausdrückliche Anerkennung der Souveränität Abessiniens durch England. Der abessinische Bezirk Ogaden sowie ein Landstreifen entlang; der Grenze von Britisch-Somaliland bleiben bis auf weiteres der Verwaltung von Britisch-Somaliland unterstellt, ohne daß dadurch die Souveränität Abessiniens indiesem Gebiete beeinträchtigt werden soll. Das britische Angebot auf eine jährliche Unterstützung von einer Million Pfund auf drei Jahre wurde in dem Vertragsinstrument von 1944 zunächst offengelassen; da Abessinien sich weigerte, die damit verknüpfte Bedingung einer Ausgabenkontrolle durch britische Berater anzunehmen. Schließlich kam jedoch ein Kompromiß zustande, und im Jahre 1945 nahm die abessinische Regierung auch das britische Angebot auf finanzielle Unterstützung an. Die britischen Finanzberater sollen zusammen mit abessinischen Regierungsvertretern in einem Ausschuß für die wirtschaftliche Entwicklung Abessiniens über die Verwendung der Gelder Ratschläge erteilen, die jedoch für Abessinien nicht unbedingt bindend sind. Der Vertrag von 1944 sieht außerdem vor, daß eine britische Militärmission, deren Stellung und Rechte besonders definiert werden, eine moderne abessinische Armee von 40 000 Mann aufbauen soll. Der Vertrag ist auf eine Dauer von zwei Jahren geschlossen und verlängert sich automatisch, falls nicht einer der beiden vertragschließenden Teile drei Monate vorher kündigt.

Durch eine vielseitige Außenpolitik hat Haile Selassie versucht, sich ein Gegengewicht gegen die überragende wirtschaftliche und politische Stellung Englands zu schaffen. Abessinien wurde 1942 Mitglied der Vereinten Nationen und meldete vor kurzem seinen Anspruch auf die italienische Kolonie Eritrea an. Der Staatsvertrag Frankreich–Abessinien regelte im Jahre 1945 die Frage der Dschibuti-Bahn. Beträchtliches Aufsehen erregte 1945 die Überlassung der Schürfrechte für Ölvorkommen in ganz Abessinien auf 50 Jahre an die amerikanische Sinclair Oil Company.

Abessinien ist auf bedeutende Importe angewiesen, wenn seine Wandlung zu einem modernen Staatswesen Erfolg haben soll. Von den einheimischen Produkten sind nur Kaffee, Häute und Edelmetalle in geringerem Umfange zur Ausfuhr geeignet. Ausländisches Kapital und Importkredite sind daher notwendig. Nur durch sie wird es möglich sein, die einheimische Agrarproduktion zu steigern. Abessinien hofft, in 15 Jahren zu einer ausgeglichenen Außenhandelsbilanz zu kommen.

Die Politik Abessiniens steht vor dem Dilemma, wie politische Unabhängigkeit und finanzielle Abhängigkeit miteinander zu vereinbaren sind. In allen Dingen, die ihre Unabhängigkeit antasten könnten, sind die Abessinier äußerst empfindlich. In unserer Zeit der Metamorphose des Kolonialgedankens wird die Entwicklung in Abessinien von Vielen Kolonialvölkern aufmerksam verfolgt werden.

Onno C. Behrends