In Lübeck, wo selbst in diesen unsoliden Zeitläuften das guterhaltene Stadtbild und der Lebenszuschnitt alter Bürgerfamilien noch viel Zuverlässigkeit und Solidität zur Schau tragen, hat eine Ausstellung, veranstaltet vom Landeswirtschaftsamt Kiel und vom Wirtschaftsamt Lübeck, viele Tausende von Besuchern anlocken können, die, wenn sie auch nichts kaufen konnten, wenigstens einen Blick in eine bessere Zukunft tun wollten. Die Schau erhielt den Titel: „Neues Schaffen in Schleswig-Holstein“ und war so sorgfältig vorbereitet und so anmutig präsentiert, daß allein schon der Anblick der ausgestellten Gegenstände den Gast veranlassen konnte, sich von einer ersten, wenn auch bescheidenen Welle von Optimismus emportragen zu lassen.

Wer das schwerste Problem des Landes Schleswig-Holstein – nämlich seine Menschenüberfüllung durch den Flüchtlingszustrom, – noch nicht genug sich vergegenwärtigt hatte, könnte sich durch eine Wandtafel überzeugen lassen: Bis auf Kiel, das nach all den Bombenangriffen des Krieges weitaus wenigeren Einwohnern Platz bietet als zuvor, sind alle Städte und Dörfer mindestens doppelt so bevölkert. Uns sagte kürzlich ein in die Flüchtlingsverhältnisse eingeweihter Mann, daß nur ein Drittel dieser Neubürger bisher in geregelte, dem eigenen Können einigermaßen adäquate Beschäftigung habe geführt werden können, ein anderes Drittel hielte sich durch unregelmäßige Arbeit oder durch den Verkauf von Wertsachen aus eigenem Besitz noch über Wasser; und hätte noch einige Hoffnung auf bessere Zeiten, das letzte Drittel jedoch sei in seiner Existenz so gefährdet, daß man seinen Untergang vorausberechnen könne, geschähe nicht im letzten Augenblick das Wunder einer Rettung.

Die Lübecker Schau verriet, welche Anstrengungen die Wirtschaftsämter des Landes machen, den heutigen Gefahren zu begegnen, Und verriet zugleich, welche Anstrengungen auch andere Wirtschaftsämter machen könnten. Denn weitaus die meisten dieser kunsthandwerklichen Gegenstände, die in so verlockender Weise in hellen Sälen ausgebreitet lagen, waren Erzeugnisse von Firmen, Arbeitsgemeinschaften oder Heimarbeit betreibender Familien, die von den Wogen des Krieges hierher gespült worden sind. Wenn man etwa die überraschend schönen Lampenschirme, Hausschuhe, Wappen aus Strohgewebe betrachtete, die Holzschnitzereien, die glasgravierten Schalen sah und solches von weither gewanderte Kunstgewerbe in Vergleich setzt zu Silberschmiedearbeiten oder Stoffgeweben alter Lübecker Werkstätten, so fand man, daß sich das eine durchaus neben dem andern sehen lassen könnte. Man hatte die ersten handgreiflichen Zeugnisse dessen vor sich, daß Flüchtlinge nicht nur neue Sorgen – diese allerdings vor allem –, sondern neues Können ins Land gebracht haben, das fruchtbar gemacht zu werden verdient.

Ein paar Stände der Lübecker Ausstellung, gefüllt mit Spielsachen aus der Werkstatt schwerkriegsbeschädigter ehemaliger Soldaten, haben uns veranlaßt, den Entstehungsort dieser originellen und durchaus geschmackvollen Holzschnitzereien, ein altes Barackenlager unweit von Eutin, zu besuchen. Hier haben einarmige Kriegsteilnehmer an geschickt vorbereiteten Maschinen durchaus die Möglichkeit gefunden, vollwertige Arbeit zu leisten – eine Tatsache, die nicht nur ihre materielle Lebensgrundlage sichert, sondern wie nichts anderes beiträgt, diesen Leidtragenden des Krieges des seelische Gleichgewicht wiederzugeben. (Nur schien es uns in diesem Falle besser, wenn-statt des auf eigene Initiative, aber auch auf eigenen Gewinn arbeitenden Privatunternehmens, die Notgemeinschaft selbst – denn um nichts anderes handelt es sich ja hier – die Leitung des Betriebes hätte übernehmen können.)

Natürlich war von all den reizenden Dingen der Lübecker Ausstellung nichts zum Kauf angeboten. Spielzeug und anderes wird für Bergarbeiterfamilien an der Ruhr reserviert, aber auch dies ist nicht die Hauptsache, denn das Schlagwort heißt auch hier: Export. Exportieren zu können – diese große Hoffnung eines verarmten Landes, dem selber alles Notwendige fehlt, vom Überflüssigen ganz zu schweigen! Aber es scheint nicht, ob solche Exportwünsche in allernächster Zukunft über den Zustand der Hoffnung oder der Erwägung hinausgehen werden. Seltsam, was früher Notstandsgebiete wie das Erzgebirge charakterisierte – nämlich, daß dort die glitzernden, formschönen Überflüssigkeiten entstanden, die wenig Rohmaterial und viel feine Arbeit voraussetzten – dieselbe Situation gilt heute für weite Teile Deutschlands: das so riesengroß erweiterte Notstandsgebiet produziert mit unendlicher Mühe, Liebe und Geschmack Dinge, die es sich selbst nicht leisten kann. Und doch ändert dies nichts an der Tatsache, daß Ausstellungen wie die vorbildliche Lübecker Schau eine Ermunterung, einen Lichtblick bedeuten, da die Gewißheit vermittelt wird, daß wir Deutschen mit unserem Können und Fleiß noch etwas in die neue Zeit gerettet haben, das die Welt noch einmal – brauchen wird. J. M.

Nur Transportschwierigkeiten?

Ein Reuterkorrespondent schreibt über die Weltgetreidelage, daß die Knappheit an Getreide nur scheinbar sei und jeden Augenblick in ihr Gegenteil umschlagen könne. Der Mangel in der britischen Zone und die Brotrationierung in England würden von den Getreidemassen, die die überseeischen Länder zu verkaufen hätten, völlig in den Schatten gestellt. Nicht das Getreide sei knapp, sondern die Transportmittel, um es zu befördern. Dazu kämen nach Meinung des Reuterkorrespondenten Schwierigkeiten, die lediglich auf Bürokratie und schlechten Informationen beruhen.