Die Lagerbestände an Baustoffen sind jetzt so gut wie erschöpft, nachdem zunächst, bis in das erste Viertel dieses Jahres hinein, auf sie bei der Reparatur von Wohnungen und Öffentlichen Gebäuden noch zurückgegriffen werden konnte. Nunmehr ist die Belieferung der Baustoffindustrie mit Kohle allein entscheidend für den Umfang, den die Bautätigkeit annehmen kann.

Im Herbst vorigen Jahres aufgestellte Pläne sahen für das stark zerstörte Ruhrgebiet die monatliche Wiederherstellung von etwa 21 000 Wohnungen vor. Die Durchführung dieses Programms bedeutet seitens der Baustoffindustrie einen Kohlenbedarf von 36 120 t im Monat. Diese Zahl basiert einerseits auf einem Kohleverbrauch von 0,22 t je 1000 Stück Ziegelsteine, 0,35 t je 1000 Dachziegel, 0,23 t je Tonne Zement, 0,23 t je Tonne Kalk und 20,35 t je 1000 qm Glas, anderseits auf einen Bedarf von 900 Ziegelsteinen, 700 Dachziegeln, 0,5 t Zement, 0,8 t Kalk und 6,5 qm Glas für die Wiederherstellung einer leicht beschädigten Wohnungseinheit sowie 1700 Ziegelsteinen, 850 Dachziegeln, 1,8 t Zement, 2,7 t Kalk und 6,5 qm Glas für die Instandsetzung einer mittelschwer beschädigten Wohnungseinheit, hierbei ist der Unterschied zwischen mehrgeschossigen Stadt Wohnungen und den überwiegend anderthalbgeschossigen Vorstadt- und Siedlungshäusern durch die Errechnung von Mittelwerten berücksichtigt.

Überträgt man die für das Ruhrgebiet ermittelten Angaben (von 1,2 Mill. Wohnungen sind 987 000 beschädigt, davon 261 000 leicht, 160 000 mittelschwer und 161 000 schwer, der Rest ist zerstört) auf. die gesamtes britische Zone unter Berücksichtigung der Tatsache, daß nach den getroffenen Feststellungen die Schäden im Durchschnitt etwas geringer anzusetzen sind, als dem Verhältnis der für 1939 geltenden Einwohnerziffern entspricht (Ruhrgebiet ca. 4,3 Mill., britische Zone ca. 19,94 Millionen Einwohner), nämlich auf etwa 1 : 4, so würde die Durchführung eines angemessenen Wohnungsbauprogramms für die britische Zone die Zuweisung von monatlich rund 145 000 t Kohle an die Baustoffindustrie bedingen. Da der Bedarf im öffentlichen Bereich, einschließlich Kanalisation, Schulen, Krankenhäuser, Verkehrsanlagen usw., ungefähr ebenso hoch wie derjenige für den Wohnungsbau anzusetzen ist, so ergibt sich ein monatlicher Kohlebedarf der Baustoffindustrie von rund 300 000 t.

Die tatsächlichen Zuweisungen an die Baustoffindustrie im britischen Gebiet betrugen aber im April d. J. nur rund 17 000 t. Es liegt auf der Hand, daß daher nach Räumung der Baustofflager die Reparaturtätigkeit infolge Mangels an Baustoffen stark gedrosselt werden mußte, ganz zu schweigen von Neubauten, für deren Errichtung in den obigen Ziffern keine einzige Tonne eingesetzt ist (der Kohlebedarf für die Herstellung der bei der Errichtung einer normalen Wohnung erforderlichen Baustoffe beläuft sich auf 12,65 t). Als Beispiel für die Auswirkungen der knappen Baustofferzeugung sei die Stadt Duisburg erwähnt, wo in 7 1/2 Monaten bis zum 15. 4. 46 rund 11 000 Wohnungen wiederhergestellt wurden, also 733 im Halbmonatsdurchschnitt, in der Zeit vom 16. 4. 46 bis 30. 4. 46 jedoch nur noch 138.

Der’starke Rückgang soll nunmehr durch erhöhte Kohlezuweisungen an die Baustoffindustrie aufgefangen werden. In Zukunft sollen sich diese auf monatlich 100 000 t belaufen, jedoch wird ein Teil davon in Braunkohle geliefert, so daß das erwähnte Bauprogramm schon aus diesem Grunde nur mit weit weniger als einem Drittel durchgeführt werden könnte. Zu berücksichtigen ist außerdem aber noch, daß auch etwaige Anforderungen der Besatzungsbehörden sowie der gesamte Bedarf von Industrie, Handel, Gewerbe und Verkehr aus der Erzeugung der Baustoffindustrie bestritten werden müssen. Schließlich ist aber auch im Wohnungsbau selbst nach Instandsetzung der leichter beschädigten Einheiten mit einem erhöhten Verbrauch an Baustoffen für die anteilsmäßig jetzt stärker vertretenen mittelschwer beschädigten Wohnungen zu rechnen.

Insgesamt gesehen ergibt sich also, daß auch in Zukunft vorerst nicht mit einer Rückkehr zu dem uns heute vielleicht schon schnell dünkenden Instandsetzungstempo des Vorjahres oder der diesjährigen ersten Monate, geschweige denn mit dessen Beschleunigung gerechnet werden darf. Es liegt vielmehr auf der Hand, daß angesichts dieser Gesamtsituation auch in Zukunft höchstens, nur eine sehr geringe Lockerung der bestehenden Drosselungsvorschriften in Betracht kommen kann, zumal im Ruhrkohlenbergbau keine Anzeichen für eine Steigerung der Förderleistung bis zum Soll von täglich 300 000 t zu erkennen’sind, die Veranlassung zu einer weiteren Erhöhung der Kohlezuweisungen an die Baustoffindustrie werden könnte. Th. Sch.