DIE ZEIT

Nimm an die Weisheit, sie ist besser den? Gold, und Verstand haben ist edler denn Silber. Diese Bibelworte könnte man heute so variieren: Sende deutsche Waren, denn sie sind besser als Gold – wenn man Meldungen über die „Sorgen“ der Länder hört, die genügend Gold, aber nicht genügend Waren haben –, wie es vor allem für die neutral gebliebenen Staaten zutrifft, so die Schweiz und Schweden.

Südafrika war neuerdings derStein des Anstoßes. Südafrika hat in der Schweiz Maschinen, Instrumente, Werkzeuge, Uhren und ähnliches gekauft und ging dabei von der Annahme aus; daß es diese wichtigen Produktionsgüter mit dem Haupterzeugnis seiner Wirtschaft ohne weiteres bezahlen könnte, nämlich mit Gold. Aber die Schweiz antwortete: Gold gebe es genügend in der Schweiz, mehr als nötig sei. fragend erforderlich seien dagegen Waren; Tor allem die Waren, die einst von Deutschland bezogen wurden. Da Südafrika diese Waren kaum liefern kann, wandte sich die Schweiz an Großbritannien, mit dem Südafrika wirtschaftlich durch den Pfundblock verbunden ist. Es kam zu Verhandlungen.

Bei den ersten Nachkriegsverhandlungen im März d. J. hatte die Schweiz Großbritannien einen Kredit von 10 Millionen Pfund gewährt, damit Großbritannien und die anderen Länder des Pfundblocks zusätzlich Warenbezüge aus der Schweiz und Touristenausgaben in der Schweiz bezahlen können. Wenn darüber hinaus Produkte aus der Schweiz bezogen werden, dann sollte Großbritannien mit Gold bezahlen. Diese Klausel möchte jetzt die Schweiz geändert haben. Allein die Notenbank weist einen Goldbestand von 4,9 Mrd. Franken aus, bei einem Notenumlauf von 3,7 Mrd., und außerdem sind Jetzt, die bisher in Amerika blockierten schweizerischen Guthaben von 5,3 Mrd. freigegeben. Das sindüberwiegend typische Fluchtkapitalien, die, wenn sie in die Schweiz zurückgeholt würden, die Form von Gold oderDevisen annehmen würden. Die Schweiz „schützt“ sich schon zum Teil gegen diesen Goldstrom, indem sie durch die Notenbank unbegrenzt Goldmünzen ausgeben läßt, so daß die Schweiz jetzt vielleicht als erstes europäisches oder sogar als erstes Land der Welt wieder einen, Umlauf an Goldmünzen haben würde. Die Schweiz will aber statt Gold Waren haben, von den Vereinigten Staaten vor aIlem Nahrungsmittel und Rohstoffe, von Großbritannien die früher von Deutschland gelieferten und jetzt bitter fehlenden Erzeugnisse.

Es ist nicht der erste Fall, daß Gold abgelehnt wird. Vör einigen Monaten schon hat die Schweiz die Zahlung mit Gold abgelehnt, als Schweden zur Durchführung der großen Lieferungen nach der Sowjetunion die Maschinen und Einrichtungsgegenstände in der Schweiz bestellte, die zum notwendigen Ausbau der schwedischen Fabriken gebraucht werden. Schweden hat selbst auch genügend Gold und möchte gern etwas abgeben, zumal Waren (und die mit ihnen gebauten Fabrikanlagen) wertvoller sind als Gold – aber die Schweiz hat die Lieferung gegen Gold abgelehnt; sie verlangt Zahlung mit Ware. Auch sonst auf dem Weltmarkt kann Schweden gegen Gold – nicht die Maschinen und Produktionsmittel bekommen, die einst Deutschland lieferte. Mit Gold kann der Warenhunger nicht befriedigt werden. Gesucht wird die primitive Austauschform Ware gegen. Ware, aber ein wichtiger Partner ist bei diesem Geschäft ausgefallen: Deutschland.

Die Schlußfolgerung, wie den goldreichen Ländern in ihren Sorgen geholfen werden könnte, liegt zu klar auf der Hand, als daß sie gezogen werden brauchte. drgr