Von Herbert Fritsche

Niemand kann seine eigene Stimme hören: ihre Resonanz im Kopf verfälscht zeitlebens die Klangwahrnehmung. Daher erstrecken wir, wenn wir – mit Hilfe der Technik – von der Schallplatte her den Fremden vernehmen, der wir selber sind. Auch kennt niemand durch die unmittelbare Sicht sein eigenes Bild. Wieder muß die Technik – im Foto, im Film – uns dazu verhelfen, ahnen zu können, wie der andere uns sieht.

Aber tot ist das Klangbild, gespensterhaft sind Foto und Film, wenn wir auf solchen Wegen eine Selbstbegegnung suchen. Die Maschine ist nicht bevollmächtigt, das Menschenwesen zu erfassen – nicht einmal dort, wo es in Akustik und Optik offenbar werden will. Wir brauchen den Mitmenschen, wenn wir gehört, gesehen oder gar verstanden zu werden wünschen.

Der Mitmensch sieht uns stets nur so, wie wir ihm aktuell entgegentreten. Bestenfalls gelangt er durch langfristige Verarbeitung der Eindrücke solcher aktueller Begegnungen zu dem, was er das Erfahrungsbild unseres Wesens nennen mag – und ist er gar „Menschenkenner“, so schlüsselt er überdies mit Nachschlüsseln an uns herum, die an ganz anderer Stätte geschmiedet und gefeilt wurden als dort, wo unser einmalig-einziger Ort in der Welt ist.

Montaigne sagt, er glaube, daß die Engel die Menschen nicht so verachten, wie die Menschen einander verachten. Sein Glaube ist wohlbegründet, denn die Menschen können einander nur so sehen, wie sie in der jeweiligen Manifestation ihres Wesens sind, während die Engel die Gabe der Vorausschau und damit auch dasjenige im Blickfeld haben, was Werdeziel ist. Wenn wir vom Schutzengel sprechen, so sollten wir nicht auf philiströse Weise an einen Hinderer unserer Unfallmöglichkeiten denken, sondern an eine Wesenheit, die unser Werdeziel schauend bewahrt und hütend über uns hält – die mithin um das Geheimnis unserer Würde weiß und es für alle Zukunft in sich birgt. Aber die Engel wohnen hoch über der uns zugewiesenen Ebene des Lebens.

Gibt es hier auf Erden gar nichts von so tröstlicher Wirklichkeit, von so einzig wirksamem Schutz gegen das Verzweifeln im und am Erbärmlichen?

Es gibt die Liebe.