Nach den Novemberwahlen in Frankreich zeichnen sich alte Frontstellungen klarer ab und neue sind aufgekommen. Der für die meisten Länder, typische Gegensatz zwischen marxistischen und bürgerlichen Parteien ist in den diesmaligen Wahlkämpfen noch mehr zurückgetreten, wenn auch von einigen Abgeordneten der Fortschrittlichen Katholiken (MRF) gelegentlich auffallend stark betont wurde, daß Frankreich die Wahl zwischen der Freiheit und der Beherrschung des Privatlebens durch den Staat habe, einer Wendung, die vor allem gegen die Kommunisten gedacht war. Das Wahlergebnis hat als möglichen Block die alte Volksfront der laizistischen Linksparteien, also Kommunisten, Sozialisten und Sozialistischradikalen, stärker hervortreten lassen. Das entscheidend Neue ist aber die Kluft zwischen der gaullistischen Rechten und den anderen Parteien, wobei es allerdings, schwer ist, die gaullistische Rechte genau abzugrenzen. De Gaulle hat eine parteipolitische Festlegung vermieden und nur die Parole ausgegeben, für die Kandidaten zu stimmen, die gegen die neue Verfassung seien. Als gaullistisch ist nicht nur die Gaullistische Union, die es, teilweise wohl in Ermangelung eines Parteiapparates, auf nur neun Mandate brachte, sondern bis zu einem gewissen Grade auch die Republikanische Freiheitspartei aufzufassen, die dank ihrem Erfolg die viertstärkste Partei, die führende Rechtspartei und die erste geschlossene starke Rechtspartei des Frankreichs des zwanzigsten Jahrhunderts wurde. Der Gegensatz zwischen diesem gaullistischen Rechtsflügel und den anderen Parteien ist der zwischen dem Frankreich von Jeanne d’Arc und Richelieu einerseits und dem Frankreich von 1789 und der Dritten Republik, von Victor Hugo und Jean Jaurès anderseits.

Der Gaullismus ist also weder ein Parteiprogramm, noch eine Partei oder Parteigruppe, sondern eine Strömung, eine Richtung. Er ist der integrale Nationalismus. Er repräsentiert die alten Formeln: Gesta Dei per Francos und à toutes les gloires de la France. Für ihn gibt es nur ein Ziel: ein starkes Frankreich, eine französische Großmacht. Dieser Zielsetzung werden alle anderen Fragen untergeordnet. Die Gaullisten sind überzeugt von der göttlichen Sendung ihres Volkes und wollen das Frankreich wiederherstellen, das einst führend war und durch die Französische Revolution als Weltmacht zerstört wurde. Dieses Frankreich soll durch einen autoritären Präsidenten im Rahmen einer autoritären Demokratie geführt werden.

Das andere Frankreich ist das Frankreich des juste Milieu, das „frei vom Staate“ wie „Gott in Frankreich“ als Träger der Zivilisationsidee und Vorkämpfer des Humanismus glücklich und zufrieden leben möchte und wegen seiner Kunst des savoir vivre beneidet wird. Diese Franzosen sind zu laizistisch und zu skeptisch eingestellt, als daß sie sich durch neue Parolen oder durch Weltmachtträume berauschen ließen, zumal die Geschichte genügend abschreckende Beispiele gezeigt hat. Sie wollen zurückgezogen und genügsam in Ruhe arbeiten und sparen und suchen ein bescheidenes Glück in der Familie und im Heim. Sie sind zufrieden mit dem, was der reiche Boden dieses dünn bevölkerten Landes an sich in Fülle bieten könnte und fragen heute vor allem: Wann erscheint endlich wieder als erstes auf dem gedeckten Tisch weißes Weizenbrot und Rotwein in Fülle? Wann können wir ein Dutzend Marennes oder eine Flasche Pomard zu erträglichen Preisen kaufen?

Für dieses Frankreich, das einst vor allem von den Sozialistischradikalen repräsentiert wurde, hat sich bei den Wahlen die überwiegende Mehrheit der Franzosen ausgesprochen, denn für dieses Frankreich sind diejenigen, die ihre Stimme den drei stärksten Parteien, den Kommunisten, den Fortschrittlichen Katholiken und den Sozialisten, sowie den Sozialradikalen und anderen Linksgruppen gaben, während als gaullistisch kaum mehr als 80 Abgeordnete unter den 618 anzusehen sind.

Es mag auf den ersten Blick überraschen, daß zu den Vertretern dieses Frankreichs die Fortschrittlichen Katholiken, obgleich sie katholisch sind, und die Kommunisten, obgleich sie eine revolutionäre Partei sind, gerechnet werden. Die Fortschrittlichen Katholiken sind primär eine katholische Partei und somit kaum uneingeschränkt als Anhänger eines laizistischen Frankreichs der Ideen von vor 1789 anzusehen, aber sie sind anderseits auch die Partei des Mittelstandes und als solche Repräsentant des Frankreichs von 1789. Der rechte Flügel liebäugel* war mit dem Gaullismus, aber Bidault hat diesen rechten Flügel bisher in Schach gehalten, und der Stimmenverlust an die stark in den Vordergrund getretene Republikanische Freiheitspartei blieb gering. Die Kommunisten sind zwar ebensosehr eine revolutionäre Partei wie die Fortschrittlichen Katholiken eine katholische, aber sie haben ihre Fernziele zurückgestellt gegenüber den Gegenwartsaufgaben des Wiederaufbaus. Da links von ihnen keine Konkurrenzpartei besteht und da sie nach rechts nicht allzusehr zu schauen brauchen, weil die Sozialisten sich nur noch in der Defensive befinden und weiter an Einfluß und Stimmen verlieren, stehen sie günstiger da als die Fortschrittlichen Katholiken, die aufmerksam nach rechts Ausschau halten müssen. Dies ist ein Grund des Erfolges der Kommunisten. Ein anderer ist darin gegeben, daß sie in Maurice Thorez einen überragenden Führer haben und Maurice Thorez einer! großen Stab politisch hervorragend geschulter, weitblickender und mit dem Volk eng verbundener Mitarbeiter einsetzen; kann. Die Kommunistische Partei ist Beute die bestgeleitete Partei Frankreichs und hat es ausgezeichnet verstanden, ihre Forderungen den Bedürfnissen des Volkes anzupassen. Sie ist nicht nur die Arbeiterpartei, sondern will auch die Bauernpartei werden und ist in der Außenpolitik die nationalistischste, wobei es allerdings schwierig ist, die Forderungen gegenüber Deutschland mit der Auffassung. Moskaus in Einklang zu bringen.

Das Ergebnis der Wahlen hat klar gezeigt, daß das heutige Frankreich trotz der Änderung der Verfassung und trotz des Einflusses der Widerstandsbewegung wieder das Frankreich der Dritten Republik ist. De Gaulle erkannte diese Entwicklung klar, zog sich um die Jahreswende zurück und prangerte in letzter Zeit immer mehr die Gefahr an, daß Frankreich wieder ein Land ohne Führer und ohne Ideale, ohne Glauben und ohne Elan, ein Staat, der Mittelmäßigkeiten, ein Tummelplatz zwar geistreicher, aber politisch unfähiger Advokaten, ja dekadenter Literaten sein werde. Die damit gegebenen Gefahren seien um so größer, weil ein. neuer Krieg drohe.

Um diesen Gefahren entgegenzuwirken, will de Gaulle die Verfassung so gestalten, daß der Präsident der Republik alle Macht in seiner Hand vereint. Salazar ist für den Katholiken de Gaulle das Vorbild. Die Stellung von Roosevelt gab die ersteh Anregungen zu seinem Vorschlag. Hierbei hatte er nur übersehen, daß Roosevelt seine Stellung nicht so sehr der Verfassung als vielmehr seiner Persönlichkeit verdankte. De Gaulle überschätzt die Bedeutung verfassungsmäßiger Bestimmungen. Was nützen zum Beispiel verfassungsmäßige Machtbefugnisse, wenn im gegebenen Augenblick der Präsident fehlt um sie auszunutzen? Ein Lebrun hätte auch im Rahmen einer gaullistischen Verfassung kaum anders gehandelt als Mitte Juni 1940, dagegen hat ein Poincaré trotz der geringen Rechte als Präsident der Dritten Republik im ersten Weltkrieg einen entscheidenden Einfluß ausgeübt.