Ganz früher war der Nachtwächter wichtig, dann wurde er eine komische Figur, und jetzt ist er wieder von Bedeutung.

Man hört zwar nicht viel vom Leben der Nachtwächter, aber was soll da auch groß zu berichten sein? Nur manchmal zerrt sie ein Polizeibericht ans Licht der Öffentlichkeit, sei es, daß sie einen Einbruch verhinderten, sei es, daß sie selbst von Banditen überfallen, niedergeschlagen, gefesselt oder sonstwie malträtiert wurden.

Früher bewachten sie behutsam den Schlaf der Menschen. Man meint, es seien damals andere Nächte gewesen als heute. Friedlichere Nächte voll Behutsamkeit, in denen das Geheul der Hunde von den einsamen Gehöften im Land versickerte und in denen der Nachtwächter auf seinem Horn die Stunden der Nacht herunterblies. Und mit dem altertümlichen Horn und der Hellebarde liefen Nachtwächter noch herum, als der Colt als modernes Mordinstrument schon erfunden war.

Aber das erschütterte die Nachtwächter nicht. Unentwegt schleppten sie an den Abenden eine Ahnung von Geborgenheit heran, von der man immer glaubt, daß sie einst in der-Welt zu Hause gewesen sei und die in Wahrheit wohl nur in den alten Geschichten gelebt hat. Das war die Zeit, als es 24 Uhr oder 0 Uhr noch nicht gab. Und heute? Siehe, der Nachtwächter ist wiedergekommen. Die Firmen müssen „Nachtwächter“ anstellen, um ihr Eigentum zu schützen. Ehemals trugen sie die Hellebarde, heute haben sie keinerlei Waffen mehr. Statt des Horns von einst führen sie höchstens eine Trillerpfeife bei sich, mit der sie Lärm machen, wenn sie Verdächtiges bemerken. Und so gehen sie in den Nächten hin und her und bewachen ein Tabaklager, einen Schuppen voll Nährmittel, einen Häuserblock oder einen Laden, der ohnehin die Inschrift trägt: „Einbruch zwecklos. Keine Ware vorhanden!“

Und man weiß eigentlich nichts von ihnen. Bis, ja nun, bis eine kurze Notiz im Polizeibericht eine Tragödie enthüllt. Die Tragödie kostete zwei Nachtwächtern das Leben; sie wurden nicht von Banditen umgebracht, sondern Zeitumstände, Erschöpfung und Übermüdung durch die allgemeine Unterernährung, brachten sie um. Und deshalb ist diese kleine Geschichte mehr als die Tragödie zweier Nachtwächter.

Also: der Polizeibericht einer norddeutschen Großstadt meldete, daß kürzlich in einer Nacht zwei Wächter den Tod fanden. Sie hatten sich im Wachraum etwas warmes Wasser auf einer Gasflamme machen wollen. Dabei waren sie vor Erschöpfung eingeschlafen. Das Wasser kochte über, verlöschte die Flamme, das Gas strömte aus, und beide Nachtwächter wachten nie wieder auf.

Sicherlich ist das die seltsamste Art, auf die je Nachtwächter ums Leben kamen. Die Polizei stellte den Tod der beiden fest. Die Polizei stellte aber weiterhin fest, daß der eine der Nachtwächter, der Flüchtling war, nicht nur keinen Mantel hatte, sondern daß er aus Armut auch kein Hemd trug.