Von Karl N. Nicolaus

Es gibt Menschen, die haben kein Hemd anzuziehen, und einen vernünftigen Mantel haben sie auch nicht. Und andere haben alles behalten – alles! So ist es nicht nur mit den Kleidungsstücken, so ist es auch mit den Büchern.

Manchmal weine ich um meine verlorene Bibliothek; ich gestehe es offen ein. Es rinnen nicht dicke Tränen über mein Gesicht; es ist ein Weinen nach innen – und das ist schlimmer. Es sind wichtigere Dinge im Wirbel des Krieges verlorengegangen als Bücher – ganz gewiß! Aber wenn das Leben.wieder einen Sinn bekommen soll, so kann es nur vom Geiste her sein. Und der Geist ist ohne Bücher nicht denkbar.

Es ist eine alte Sache: am Ende von Kriegen und Zusammenbrüchen stehen in den Torwegen mehr oder minder insgeheim auch die Bücherverächter bereit, die den Büchern den Tod zu predigen suchen. Auch der amerikanische Dichter Thornton Wilder läßt einen stürmischen Heimkehrer sagen; „Diese alten Bücher müssen verbrannt werden. Die Ideen, die er (gemeint ist der Alte) sich aus diesen Büchern zieht, sind es, die die ganze Welt so machen, daß man nicht darin leben kann!“ Es ist der ewige Zerstörer, der so spricht, und Thornton Wilder selbst beweist, daß diese Stimme unrecht hat. Es ist die alte Melodie, nicht auf der Hirtenflöte geblasen, sondern im Chor der Zerstörung schrill und verwegen gesungen.

Je älter der Mensch wird, um so skeptischer wird er im Umgang mit Menschen, und um so vertrauter wird ihm der Umgang mit Büchern. Der ältere Mensch weiß, daß Bücher den Extrakt des Lebens darstellen, daß sie die Weisheit der Welt enthalten, soweit eine solche Weisheit verbürgt ist.

Ich weiß, daß große Weise, wie Laotse, in gewissem Sinne Verächter der Bücher waren, Verächter der eigenen Aufzeichnungen, und daß sie nur widerwillig ihre Gedanken aufschreiben ließen. Aber das ändert doch nichts daran, daß jenes „Taoteking“ des Laotse eins der unentbehrlichsten Bücher wurde, die es gibt. Und es schwirrt in meinem Gedächtnis der Satz vorüber: „Ein großes Reich muß man regieren – behutsam, wie man kleine Fische brät.“ Es wird nicht anders werden auf der Welt, bevor diese Behutsamkeit nicht gefunden wird. Bestimmt nicht!

Und nun bin ich schon mitten in meiner Trauer angekommen. Ich hatte eine so schöne, handliche Ausgabe des „Taoteking“. Ich sehe ehrenwerte Gelehrte die Stirn runzeln. „Kommt es auf die Handlichkeit der Bücher an?“ sagen sie. Nein, gewiß nicht! Aber ich liebe trotzdem handliche Bücher; auch bin ich ein Papiernarr, der an schönem Papier sich erfreut. Schönes Papier hat, wenn man es umblättert, etwas von der Zartheit von schwirrenden Schmetterlingsflügeln. Diese kann man nicht berühren, aber bei Papier kann man es tun. Beispielsweise besaß ich eine alte Ausgabe der Maximen von Larochefoucauld, die war – was das Papier betraf – direkt ein Ausbund von Zärtlichkeit. Und überhaupt – die alten Bücher! Wie soll man je so etwas wieder aufspüren? Zum Beispiel die Aufzeichnungen des Polizeiinspektors Marais, der für Ludwig XV. von Frankreich die Skandalgeschichten der Hofleute recherchieren mußte. Oder jene alte Biographie des Balboa, des Entdeckers des „Mardel-Sur“, der Südsee? Oder jenen alten Atlas, in dem das Paradies als ein mutmaßlicher Ort ver- – zeichnet war? Oder jenes tibetanische „Totenbuch“ mit der Beschreibung jenseitiger Leben und Landschaften? All das wird man nie wieder zu Gesicht bekommen.