Neben vielen sonstigen Krisen geht auch die Krise der Ehe durch die Welt, Diese Ehekrise ist keine Folge des verlorenen Krieges, sondern des Krieges schlechthin. Sie betrifft daher nicht nur uns, sondern auch andere, siegreiche Länder.

Ein paar Zahlen umreißen das Ausmaß dieser Ehekrise. Aus Berlin wird gemeldet, daß von den 24 465 Ehescheidungsanträgen, die innerhalb der ersten sechs Monate des Jahres allein in der Reichshauptstadt „anhängig“ waren, nur 6056 bearbeitet werden konnten. Weiterhin: In einer Debatte im britischen Oberhaus wurde erörtert, daß die 48 500 vorliegenden Scheidungsanträge fünfzehn Jahre erfordern würden, um „erledigt“ zu werden, wenn nicht eine wesentliche Beschleunigung der Verfahren möglich sei. Da hätte also mancher der Betroffenen inzwischen Großvater beziehungsweise Großmutter geworden sein können, ehe die Ehe geschieden wird. Aber die gewünschte raschere Erledigung ist in die Wege geleitet.

Auch der Papst hat zu den Verfallserscheinungen der Ehe Stellung genommen. Der Papst sagte beim Empfang der Rota, des Obersten Appellationsgerichtshofes: „Niemand kann der Tragödie junger Eheleute gefühllos gegenüberstehen, die der Krieg auf lange Jahre getrennt hat. Welche Menge an – Mut, Verzicht, Geduld, welch Reichtum an gegenseitigem Vertrauen, welch Geist des christlichen Glaubens sind nötig gewesen, um den abgelegten Schwur unverletzt zu erhalten. Es handelt sich jetzt darum, die Trümmer zu beseitigen, die Wunden zu verbinden, die Leiden zu heilen. Um zu helfen, scheut die Kirche keine Anstrengung und treibt ihre Nachgiebigkeit bis zur äußersten Grenze.“

Ähnlich stand es um die Ehe auch nach dem Weltkrieg 1918. Heute lösen sich in Deutschland einmal die Ehen, die ihr Dasein der Nazipropaganda verdankten. Der Hauptbahn ist erloschen und mit ihm die „Nebenwahne“. Dann kommen jene vielen Kriegsehen hinzu, die nichts als „legalisierte Urlaubsverhältnisse“ waren. Wie viele junge Männer, die in normalen Zeiten überhaupt noch nicht an eine Ehe gedacht hätten, sagten sich im Kriege: „Warum soll ich Lieschen nicht heiraten? Wenn mir was passiert, hat sie eine Versorgung!“ Soweit der Krieg diese Ehen nicht schon direkt gelöst hat, drängen sie jetzt natürlich vielfach auf Scheidung. Aber auch länger bestehende, glückliche Ehen wurden brüchig durch die lange Trennung, durch vielerlei Versuchungen und das selbständige Leben, das jeder Partner für sich lebte.

Es gibt aber auch so manche Ehe, die durch Gefahr und Trennung erst richtig gefestigt worden ist. Es scheidet sich jetzt die Spreu vom Weizen, Natürlich gibt es heute auch Frauen (und auch Männer), auf die der alte Volksspruch paßt: „Einer Laut wohnt mehr Treue bei / sie läßt den Mann nicht, wo er auch sei / und sie läßt sich auch mit ihm henken / ach, wie würd’ manch’ Weib da wenken...“ –us.