England hat große Opfer für den Sieg bringen müssen, und nicht allein an Menschen und Städten: der Reichtum Englands wurde darangegeben. England muß exportieren, um jeden Preis exportieren, oder seinen Rang als Großmacht aufgeben; es muß exportieren oder in seiner Lebenshaltung auf eine Kummerexistenz herabsinken. Deswegen muß England auch jeden, sogar jeden möglichen künftigen Konkurrenten auf dem Weltmarkt fürchten, deshalb muß es auch jeden (und das heißt auch jeden künftigen) Absatzmarkt pflegen. Die Theorie fordert und die Erfahrung bestätigt, daß auch zwischen Industrieländern ein lebhafter Warenaustausch besteht So zählte Deutschland zu den großen Handelspartnern Englands.

Hinter der vordringlichen Ausfuhr mußte die Versorgung der britischen Bevölkerung mit Gebrauchsgütern zurückstehen. Erst in den letzten Monaten haben sich die Geschäfte wieder mit Waren gefüllt, nachdem die Regierung zahlreiche Industrien aus der Wirtschaftslenkung entlassen hatte und seitdem auch von staatlicher Seite der Inlandsmarkt stärker berücksichtigt wird, um einen Leistungsanreiz für die arbeitende Bevölkerung zu schaffen. Die Preise der Konsumgüter sind fast durchweg sehr hoch. Die Lebensmittelzuteilungen, insbesondere an Fett, Fleisch und Zucker, sind knapper als selbst während des Krieges. Die Brotrationierung wurde eingeführt. Fisch, Gemüse, Kartoffeln und Obst sind jedoch reichlich vorhanden.

Die Steigerung der Ausfuhr ist nur der eine Ansatzpunkt für den Ausgleich der englischen Zahlungsbilanz. Der zweite ist die scharfe Beschränkung aller Devisenausgaben. Hier ist die Lage eher noch schwieriger als bei der Ausfuhr. Der englische Import umfaßt mit geringen Ausnahmen nur noch lebenswichtige Güter; weitere Kürzungen sind hier kaum möglich, zumal die Regierung unter dem starken Druck der Bevölkerung steht, die nach der Beendigung des Krieges eine Besserung ihrer Lebensbedingungen erwartet,

Die Ausgaben für die englischen Truppen im Ausland sinken infolge der langsamen Demobilisierung nur allmählich. Die Hungersnot in Indien und Deutschland zwang England zu großen Devisenausgaben für Lebensmittel, obgleich diese unvorhergesehenen Anforderungen, denen England aus politischen, wirtschaftlichen, aber auch aus ethischen Gründen nach Möglichkeit zu entsprechen sucht, weit über seine Kraft hinausgingen.

Die Beschränkung der Einfuhr ist für England nicht nur wegen der knappen Versorgung der Verbraucher schmerzlich, sondern auch wegen des Verlustes an wirtschaftlichem und damit politischem Gewicht. Die Gemeinsamkeit der wirtschaftlichen Interessen zum Beispiel war eines der stärksten Bänder um das British Commonwealth of Nations. Sie beruhte zu einem großen Teil auf der Aufnahmefähigkeit des englischen Marktes für die Ausfuhrprodukte der Empirestaaten, während umgekehrt diese ihren Bedarf an industriellen Erzeugnissen in England decken konnten.

Obgleich die Umstellung auf die Friedensproduktion und die Steigerung der Ausfuhr planmäßig und befriedigend verläuft, kann die englische Exportindustrie Wegen des Mangels an Arbeitskräften und der unzureichenden technischen Ausstattung den Warenhunger der Welt und insbesondere der Empirestaaten nicht befriedigen. England verliert dadurch fan wirtschaftlichem Gewicht, zumal sich die Kaufkraft nun-stark nach Nordamerika wendet. Besonders im Falle der Empirestaaten, die alle große Forderungen gegen das britische Stammland haben, ist das für die englische Zahlungsbilanz gefährlich. Werden die Sterlingguthaben Kanadas, Australiens, Indiens und der anderen Commonwealth-Mitglieder zu Einkäufen in England verwendet, so bedeutet das Verdienst für die englische Exportindustrie. Wenn aber z. B. Australien in den Vereinigten Staaten. kaufen will, muß England das Sterlingguthaben Australiens, in Dollar umwandeln, wodurch der ohnehin schon unzureichende Devisenvorrat zusätzlich beansprucht wird.

Als eine weitere Folge des Devisenmangels und der unzureichenden industriellen Leistungsfähigkeit kann England heute nicht mehr wie bis 1939 als internationaler Kreditgeber auftreten. Auch der Aufbau neuer industrieller und kaufmännischer Unternehmen im Devisenausland ist erschwert. Die fördernde und maßgebende Rolle Englands bei der Entwicklung fremder Volkswirtschaften geht dadurch verloren. Dadurch geht nicht nur der wirtschaftliche, sondern auch der politische Einfluß zurück, und die Quellen künftiger Erträge bleiben unerschlossen. Da mit Angehörigen – der Feindstaaten noch immer keine Geschäfte abgeschlossen werden dürfen – das Trade-with-the-enemy-Gesetz ist noch in Kraft – können die englischen Unternehmer von den relativ günstigen Möglichkeiten, deutsche und japanische Beteiligungen zu erwerben, einstweilen keinen Gebrauch machen.