Als er „müßig am Markte“ steht, erreicht den freien Schriftsteller Lessing der Ruf nach Hamburg. Er soll dem neu zu begründenden Nationaltheater als Dramaturg sein kritisches Gewissen widmen. Im April 1767 siedelt er in die ihm behagliche Hansestadt über. Was findet er vor? Zähe niedersächsische Sinnesart, ererbten Wohlstand, maßvoll genossen, von innerer Kultur und unabhängiger Bildung durchdrungen; stolze Vergangenheit und selbstgewisse Gegenwart, von der frischen Brise des Meeres durchlüftet; eine Weitläufigkeit alles in allem, die ihm seit je erwünschtes und genutztes Element der eigenen Existenz ist. Ein guter Stern führt ihn als Mieter einer vortrefflichen Familie zu, bei der es ihm so wohl wird, daß bald aus Wirten Freunde werden.

Seinem Notizbuch vertraut der ordnende Geist in Stichworten, wie emsig er sich mit dem alten und neuen Hamburg einläßt; wo überall er anklopft und einkehrt. Der Familie seines Hausherrn Schmidt gehören die entspannteren Stunden; schließlich werden die Schmidtschen Gäste und Freunde auch die seinen: die Knorres und die Schubacks, die Büschs und die Schwalbs, vor allem aber der Seidenhändler und Tapetenfabrikant Engelbert König und – im ausgeprägt norddeutschen Kreise ein belebendes süddeutsches Temperament – dessen Frau Eva Katharina, geborene Hahn.

Sie stammt aus Heidelberg. Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns, dessen väterliche Hand der Tod so früh von ihr genommen, daß sie sich kaum erinnern kann, ihn bewußt gekannt zu haben, in einer tüchtigen, einträchtigen Familie vortrefflich erzogen, ist sie im Sommer 1756, zwanzigjährig, dem Handelsherrn König aus ihrer pfälzischen Idylle in die bewegte norddeutsche Großstadt gefolgt. Rasch hat sich, bei wachsendem Wohlstand, das tätige Paar in Hamburg eingebürgert, rasch hat sein stattliches Haus, allen geistigen Strömen offen, gute Nachbarn und getreue Freunde gefunden.

„Wenn mir etwas Menschliches begegnen sollte, so nehmen Sie sich meiner Frau und Kinder an“, hat Engelbert König, der Rechtschaffene und Warmherzige, im späten Herbst 1769 geschäftlich nach Österreich und Oberitalien abgereist, ihm abschiednehmend zugerufen. Unerwartet schnell tritt diese Freundespflicht an Lessing heran. Kurz nach seiner Ankunft in Venedig zieht König sich eine jähe Krankheit zu, die ihn am 20. Dezember hinwegnimmt. Mit ihren vier Kindern steht Frau Eva plötzlich schweren Sorgen gegenüber.

In den ersten Wochen der größten Bestürzung mit all seinen Empfindungen und männlichen Handgriffen getreulich zur Stelle zu sein, ist Lessing selbstverständlich. Als gäbe es weder Braunschweig noch die Wolfenbüttler Bibliothek, weder Amt noch Pflicht, bleibt er, indes der Hof den neuen Bibliothekar, in welchen sich der Dramaturg verwandelt hat, ungeduldig erwartet, stumm in Hamburg zurück. Im April 1770 endlich nimmt der Zögernde den immer wieder verschobenen Abschied. Als er Frau Eva mit sehr geheimen Wünschen für die Zukunft sein schmerzliches Lebewohl zuruft, nimmt er in die kleine Residenz, die nun mit ihrer menschenleeren Einsamkeit wie das reglose Meer auf den Schwermütig-Schwerblütigen wartet, eine bange Frage an sein und ihr Herz mit sich.

Indes dem einsamen Bibliothekar auf der schmalen Spur zwischen Bibliothek und Schloß die Tage verwünscht und verwunschen dahingehen wie in Friedhofsstille, hat die noch von Gram und Krankheit gebeugte Freundin an der Elbe im verzweigten Getriebe der Nachlaßordnung eine beschwerliche Reise vor sich. Sie muß ihre Kinder auf Monate verlassen, um in Wien die Niederlassungen des Königschen Unternehmens zu mustern. Die tapfere Frau, beflügelt von mütterlichem Pflichtgefühl, einer Hinterlassenschaft treu, die ihren zarten Schultern drückende Lasten aufbürdet, fährt keinem lockenden Ziel zu. Doch findet sie in Postzimmern und Wirtshäusern, ja noch im Lärm derber Dorfschänken Muße, dem „lieben Herrn Lessing“ die unterschiedlichen Abenteuer ihres langsamen Weges anmutig zu schildern.

In München läßt die Reisende sich malen. Lessing wird das Porträt später betrachten und diejenige wiedererkennen, die vor sein, geistiges Auge tritt, sobald er ihrer in der Ferne gedenkt: eine straffe, sehnige Gestalt ohne Fülle; auf schlankem Hals ein längliches Gesicht; das volle, hochfrisierte Haar über einer freien Stirn thronend; klare große Augen, die aufmerksam prüfen; eine scharfgeschnittene Nase; unter einem feinen, leicht ironischen Mund ein ausgeprägtes, entschlossenes Kinn; das Ganze: beredtes Inbild einer so angenehmen wie gescheiten Dame des Rationalismus. Auch wird der Betrachter finden, wie wahr Frau Evas festgehaltene äußere Erscheinung ihr Wesen spiegelt: ihre liebenswürdige Natur, ihres lauteren Wesens reine Güte, ihres beweglichen Geistes schwebende Grazie. So ist sie, die nun, verhalten, leise und gefühlskarg umworben, wachsend sein vereinsamtes Herz ausfüllt; standhaft in schweren Lebenslagen; wahrheitsliebend um jeden Preis; liebevollen Gemütes; großmütig und gewissenhaft; zartfühlend und verstandesklar; am rechten Ort stolz; aus anmutiger Schalkhaftigkeit neckend und scherzend wie Minna von Barnhelm; in grillenhafteren Augenblicken haarspaltend und grübelnd wie des thüringischen Edelfräuleins gewissenhafter Major von Teilheim – wie denn Frau Evas Eigenschaften insgesamt die Charakterzüge dieser beiden Helden seiner preußischen Komödie eigentümlich vereinen.