Selten hat es die Zeit den Zeitgenossen recht machen können. Oft war man mit ihr unzuhleden. Denn von Anbeginn waren die Menschen offenbar bemüht, die Zeit nach ihrem Willen zu wandeln und zu formen. Im Guten und im Gleich-Adam biß in den Apfel, weil ihm das ewige Gleichmaß der Zeit im Paradies nicht zusagte...

Der größte Anschlag auf die Zeit aber wurde am 10. Januar. 1933 verübt. Nationalsozialisten forderten von ihr eine „tausendjährige Regierung“ und meinten, sie müsse sich damit abfinden. Das war ein Irrtum. Die Zeit wehrte sich. Leider verglich.

Um den Zeitgenossen eine gute Meinung zu vermitteln, stellten die NS-Propagandisten die Zeit hinter eine aus prunkvollen Festen gezimmerte Fassade, die den Himmel auf Erden und jedem ein elgenes Auto versprach. Dahinter aber wurde die Zeit vergewaltigt und mit Lasten überbürdet. Arbeiten, die sich in normalen Zeitläuften auf viele Jahre erstreckten, mußten in wenigen Monaten beendet werden. In noch nie dagewesenem Tempo wurden Waffen geschmiedet, mit deren Hilfe der ganze Erdball unterworfen werden sollte.

Geschichte ohne Zeit? Wollten die Machthaber des Dritten Reiches der Zeit den Rang ablaufen, Ihr vorauseilen? Sie waren verblendet genug, sich das einzubilden.

„Wenn ihr so weitermacht, werdet ihr mit ruren tausend Jahren bald zu Ende sein“, murmelte Chronos. „Nicht ihr habt die Zeit, die Zeit hat such.“

Die Ereignisse im Herzen Europas ließen dem alten Chronisten keine Zeit für geruhsame Betrachtungen. Er, der gewohnt war, Geschichte in Zierschrift mit bilderreich geschmückten Initialen zu schreiben, mußte mit fliegender Feder im Telegrammstil stenographieren. Ganze Wolkenbrüche von Geschehnissen schütteten ihm Wilhelmplatz und Wilhelmstraße tagtäglich auf den Schreibtisch der Ewigkeit.