< Eine Legende von Edmund Th. Kauer Sein Haupt ist nicht gebeugt vom Leid der Menschen, das er trägt. Es ist nicht aufgereckt io heiligem Zorn. Sein Antlitz ist nicht hochgesogen von einer schrecklichen und herrlichen Vision. Sein Haupt ist leicht gesenkt wie von einem Nachdenken oder Bedauern.

Aber seine Hände sind abgebrochen. So ist es ungewiß, welchen Ausdruck diese Hände hatten. Waren es die geschnürten Hände des Dulders am Pfahl? Oder die Hände des Gefesselten vom Olberg, den die Häscher wegführten? Oder waren diese Hände, bevor sie abbrachen, ausgestreckt in rührender Gebärde, Hände voll des Segens? Die Menschen, die Jesum betrachten, haben eine Kerze angezündet, eine strotzend dicke Kerze aus echtem Wachs, die bei emem Wachszieher gegen eine Heraklitplatte eingehandelt worden ist. Aber sie haben diese Kerze nicht angezündet, damit in ihrem lebendigen, bei jedem Atemhauch leise bebenden Licht fromme Schauer nachztttern, sondern weil der Gegenstand, um den sie handeln, ansehnlich genug ist, eine Ecke einer Heraklitplatte auf Spesen abzuschreiben.

"Die Fassung ist keinesfalls aus der Zeit", sagt die Händlerin, die fest entschlossen ist, nicht über zweitausend Mark zu gehen, obwohl sie einen Interessenten an der Hand hat, der über die nötigen Beziehungen verfügt, das Stück ungehindert über die Grenze bringen zu können.

Sie hat, die Händlerin, von Stilgeschichte, die in Kunstdingen so viel bedeutet wie das Öl bei der Weihe, kaum einen Begriff; aber sie hat sozusagen auf dem Markt den kundigen Griff beobachtet, mit dem erfahrene Käufer einer Bruthenne an den Bauch fassen, dorthin, wo die Eier kommen sollen, und sie ahmt diesen Griff nach. Es ist halt so ein Fachmannsgriff, mit dem man ein abschätziges Urteil begründet "Meinen Sie?" fragt spöttisch der Ästhet, "ich bin eher der Ansicht, daß wohl die Fassung au der Zeit, daß aber der Kern nicht hochwertig ist. Die Arbeit ist unstreitig Pkckheimersche Schule die umbrische Strenge und doch auch Lieblichkeit, mit? der das Kleid aufgefaßt ist, könnte Pirckhenner aus seinen Gesellenjahren in Perugia heimgebracht haben. Aber etwas an der Figur nun, wie sage icMas? Alles ist ein bißchen ungelöst, ist zu dramatisch, um echter Pirckheimer zu sein. Nein, hier hat die handgreifliche und zugleich auf Fernwirkung abgestimmte Pose des Christusdarstellers aus einem bayrischen oder Tiroler Passionsspiel ModeU gestanden. Pirckheimers Schule, aber Schülerarbeit. Er wird bis dreitausend gehen, denkt die Händlerin Und obwohl sie die Bemängelungen des Ästheten nur deshalb ernst nimmt, weil er der Aufkäufer eines sehr potenten Mannes ist, eines Mannes, der eine runde Million aus der Blockierung herauszuhalten vermochte, notiert sie doch: Pirckheimer. Dramatisch. Fernwirkung. Fernwirkung ist gut. Von umbrischer Strenge und Lieblichkeit ist sie entschlossen, höchstens eine Hälfte zu gebrauchen, denn sie ist, wenn sie nicht handelt, eine Frau, die von der Vereinbarkeit von Strenge und Lieblichkeit wenig erwartet.

"Sie dürfen nicht vergessen", sagt der Evakuierte aus Berlin, "wenn, mein Interessent" — er ist der einzige, der von seinem Interessenten offen spricht, weil er wahrscheinlich gar keinen hat — "auf dem Stück drei Monate sitzenbleibt, kann er damit warten, bis er schwarz wird Er will vielleicht selber kaufen, denkt die Händlerin.

Er ist zu ordinär, denkt der Ästhet. Aber bevor er den Mund auftut, um den Mißklang durch einen Hinweis auf die seltsam verlängerte Nackenlinie zu überspielen — ist sie noch gotisch oder schon florentinisch empfunden? —, geht im Nebenzimmer das Telephon.

Der Verkäufer, daß heißt der Mann, der die Holzplastik zum Verkauf ausbietet (nach dem Besitzer zu fragen wäre indezent), wirft gewohnheitsmäßig einen Blick auf die Figur, um einen letzten sicheren Eindruck zu fixieren, denn wenn man in solchen Fällen aus dem Zimmer gerufen wird, weiß man nie, ob das Stück nicht durch eine Kopie ersetzt wird allerdings, bei diesem Christus ist die Sache nicht so bedenklich wie bei Juwelen nun, er läuft ins Nebenzimmer.