In England ist das Kino hoffähig geworden! Bisher gehörte es wohl zur Tradition des Königshauses, Hofveranstaltungen – sogenannten Royal Command Performances – guter Theater beizuwohnen, der jüngeren Lichtspielkunst aber war Solche Auszeichnung versagt geblieben. König Georg VI. ließ sich zwar hervorragende Erzeugnisse der britischen und ausländischen Produktion in eigenen Vorführungsräumen zeigen, und Königinmutter Marie besuchte sogar öfter Filmveranstaltungen, darunter überraschenderweise auch solche kleiner Vorstadtkinos. Jetzt aber fand die erste Hof -Kinoveranstaltung statt, die ein glänzendes gesellschaftliches Ereignis und Volkskarneval zugleich war. Majestäten wurden von Königen der einwand empfangen. Englands und Amerikas Filmindustrie – sonst in scharfer Konkurrenz miteinander – wetteiferten um das Gelingen des Abends. Mit dem Schiff „Queen Elizabeth“ waren zahlreiche Hollywoodgrößen eingetroffen, die ihre britischen Kollegen nach dem Londoner Leicester Square begleiteten. Man zählte rund 100 prominente Gesichter und Namen der Bühne und Leinwand.

Auf dem Wege zum und vor dem „Empire“, einem beliebten Uraufführungskino, stauten sich unübersehbare Menschenmassen. London erlebte ähnliche Menschenzusammenballungen, Feuerwerke und Freudentumulte nur während der „V-Tage“. Ja, mit der gern zitierten Ruhe und Steifheit des Londoners war es diesmal endgültig vorbei. Ein großes Aufgebot an Polizisten stand dem Ansturm oft machtlos gegenüber. Einige glückliche Kartenbesitzer (Preis zwischen 20 und 30 Pfund) konnten nicht durchhalten und gaben das Rennen oder besser: Drängen schon vorher auf. Sie schenkten ihre Plätze Kampflustigeren. So mischten sich später zwischen Fräcke und pariserische Gesellschaftskleider einfachste Straßenanzüge und Uniformen.

Pünktlichkeit ist bekanntlich die Höflichkeit der Könige, und König Georg ist pünktlich. Diesmal aber traf er trotz programmäßiger Abfahrt 12 Minuten zu spät ein. In der Crambourne Street –zwischen Buckingham-Palast und Leicester Square hatte die Masse das königliche Auto vollkommen eingekeilt. Es gab kein Durchkommen mehr Endlich, nach minutenlanger Verzögerung, bahnten drei berittene Polizisten den Majestäten mühsam einen Weg. Die Mitglieder der königlichen Familie wirkten bei der Ankunft im Kino sichtlich erschöpft und nervös durch den für die englische Mentalität ungewohnten Ansturm.

Unter einem Baldachin gelangte die königliche Familie in das Kino. Die Königin trug ein Kleid aus Elfenbeinbrokat mit Goldornamenten, Prinzessin Elizabeth, Englands zukünftige Herrscherin, trug weiße Atlasseide, Prinzessin Margret Rose rosa Tüll. Charles Penley vom „Empire“ ist der erste Geschäftsführer eines englischen Kinos, der Seinen König willkommen heißen durfte. Die Gesamteinnahmen dieser Veranstaltung betrugen rund 10 000 Pfund. Ein noch nie dagewesener Erlös!

Im Zuschauerraum saß die königliche Familie auf goldbemalten Stühlen. Abend für Abend wird in Jedem Kino Englands „God save the King“ gespielt. Zum erstenmal aber wohnte ein britischer König dieser Huldigung im Kino bei. 3500 Zuschauer erhoben sich und sangen die Nationalhymne.

„A Matter of Life and Death“ hieß der Film des Abends. Er verdient einige Superlative, wie hochdramatisch, künstlerisch. spannend, originell und photographisch neuartig. Michael Powell und Emmeric Pressburger – bewährte Autoren und Regiezwillinge – fanden den bescheidenen Untertitel „A stratospheric Joke“ (Ein stratosphärischer Ulk). Das Spiel findet zwischen zwei Welten statt: unserer Erde (Farbfilm) und dem sogenannten besseren Jenseits (schwarz-weiß). Eine moderne Riesenrolltreppe verbindet beide. Die Handlung – kein Filmphototrick bleibt ungelöst – schwankt Zwischen Phantasie, leicht faßbarer Psychoanalyse, philosophischem Lebensernst, Humor und Satire.

Der Abschluß der ersten Kinoveranstaltungwar so etwas wie ein Familienfest. Im Foyer unterhielt sich die Königsfamilie über zwanzig Minuten mit den Filmschauspielern. Unter den vorgestellten Künstlern befand sich Adolf Walbrook (Wohlbrück), der anglisierte deutsche Künstler.