Oliveira Salazar, der portugiesische Ministerpräsident, hat am 9. November in Lissabon vor dem Parteikongreß der Nationalen Union eine große Rede gehalten, in der er einen Überblick über die heutige Weltlage gab. Salazars Ansprachen, die stets vorzüglich stilisiert sind und die nie die Schulung des ehemaligen Universitätsprofessors verleugnen, müssen, ganz allgemein betrachtet, unter zwei Gesichtspunkten gewertet werden. Sie sind einmal betont portugiesisch, das heißt, das Bild der politischen Lage ist bestimmt durch das momentane Interesse, das Portugal an der herrschenden Weltpolitik hat. Es sind ferner die Reden eines Diktators, der ein ideologisches Programm vertritt, zu dem der Kampf gegen einen uneingeschränkten Parlamentarismus und gegen die Internationale der kommunistischen Idee gehört. Unter diesen beiden Gesichtspunkten muß auch seine letzte Rede beurteilt werden.

In ausländischen Zeitungen und Rundfunkmeldungen trifft man in jüngster Zeit immer wieder auf das Gerücht, daß portugiesische Gebiete, insbesondere die Azoren und Timor, eine gewisse Rolle in dem geplanten Stützpunktsystem der Vereinigten Staaten spielen. Die Russen haben hierauf mit einer nicht zu verkennenden Empfindlichkeit reagiert. Sie sprechen von dem Versuch Amerikas, sich eine Ausgangsbasis zu schaffen zur „Wiedereroberung Europas“. Manches in Salazars Rede deutet auf diese Konstellation, hin. Er stellte zunächst fest, daß zwei große Staaten, die USA und die Sowjetunion, zur Führerschaft in der Welt aufgestiegen seien, und er begrüßt es, daß Amerika, anders als 1919, sich der Verantwortung nicht entziehen wolle, die ihm, durch den Sieg und die dadurch gewonnene Macht auferlegt worden ist. Was England als den traditionellen Alliierten Portugals betreffe, so habe sich die Lage insofern geändert, als es sich mehr und mehr eine dualistische Auffassung der angelsächsischen Welt zu eigen mache, womit höflich umschrieben werden soll, daß Amerika augenblicklich der wichtigere Bundesgenosse sei. Es ist nicht ohne ein pikantes Interesse, wenn man mit dieser Wendung die Rede vergleicht, die Salazar nach einem mißglückten Attentatsversuch am 6. Juli 1937 gehalten hat und in der er das jahrhundertealte Bündnis zwischen England und Portugal als einen Triumph des gesunden Menschenverstandes feierte, da diese Allianz England davor bewahre, daß Portugal jemals ein Flottenstützpunkt für eine fremde Macht werden könne.

England und Amerika nun, so sagte Salazar, könne Portugal als befreundete Völker ansehen. „Ich weiß nicht“, fügte er hinzu, „ob das gleiche von Rußland gilt.“ –,.Es kann nicht bezweifelt werden“. so fuhr er fort, „daß Rußlands Macht sehr groß ist und daß es eine Möglichkeit hat, Beschlüsse zu fassen und auszuführen, mit der andere Staaten nicht wetteifern können. Auch handelt es unbeschwert von dem Gewicht einer öffentlichen Meinung, die etwa nicht, vorhanden ist oder erst aufgebaut werden muß, damit sie die Politik unterstützt. die eingeschlagen werden soll. Rußland ist außerdem die lebendige Quelle einer Ideologie oder eines Mystizismus, von dem einige glauben, er sei weltumfassend und bringe allen Völkern eine Botschaft der Freiheit, besonders aber den Massen, die angeblich versklavt sind.“

„Rußland“, so endete er seine Ausführungen zu diesem Thema, „hat heute alle Mittel und Möglichkeiten, um Europa vollständig zu beherrschen, und könnte dies tun, ohne daß der größere Teil Europas die Fähigkeit hätte, dagegen zu kämpfen. Dies zum mindesten ergibt sich logisch aus der unkontrollierbaren russischen Stärke und der russischen Lehre. Und wenn wir einmal annehmen, Rußlands Ziel und Interesse sei, in Frieden zu leben und die eigene neue Ordnung niemandem jenseits der Grenzen aufzuzwingen, wie können sich andere Staaten aus den Ruinen erheben und aus der Anarchie, die heute in Europa herrscht, wenn sie keine Lehre haben, keine Kraft und praktisch keine Regierung?“

„Wenn ein Land“, so sagte Salazar weiter, „eine ihm gemäß“ Linie des politischen Denkens gefunden hat und sein politisches Handeln auf sichere Erfahrung gegründet ist, so wie dies in Portugal der Fall ist, dann wäre es töricht, beides zu ändern, indem man auf die Stimmen hört, die aus den Ruinen Europas ertönen und uns Systeme der Errettung anpreisen. Wenn auch einige Länder ihr Heil darin sehen mögen, drei, sechs oder zehn Parteien zu besitzen, ein Rowdyparlament und eine Regierung, die gelähmt ist durch die Rücksicht auf einander widerstrebende Elemente, so drängt sich mir doch die Überzeugung auf, daß kein Verhältnis besteht zwischen Krankheit und versuchter Heilung, und mit tiefer Trauer ich erkennen, wie blind die Menschen sind.“

Das sind, das dürfen wir wohl sagen, die Anrichten eines Diktators, der sich einer andern, sehr mächtigen Diktatur gegenübersteht. Das Heilmittel, das er anpreist, um Europa zu erretten, ist sehr einfach, es heißt: Diktatur. Weil eine Macht da ist, die gewissermaßen plötzlich und unerwartet auf den Knopf drücken könnte, um Bataillone marschieren, Tanks rollen und Bomben, möglicherweise sogar Atombomben oder „noch Schlimmeres“, fallen zu lassen, sollen alle europäischen Staaten in den Stand gesetzt werden, auf den Knopf drücken können, um sich auf ähnliche Weise zu verteidigen, und weil bei diesem einen Staat eine Lehre besteht, die nach innerer Logik bestrebt ist, sich auszubreiten, sollen die andern Staaten gleichfalls eine Lehre entwickeln, um sie ihr entgegensetzen zu können. Aber ist das, was damit gerettet wird, noch Europa? Lohnt es sich, angesichts dessen, was aufgegeben werden muß, überhaupt noch, für den kümmerlichen Rest zu kämpfen? Wäre hier also eine Zwangslage entstanden, ans der es keinen Ausweg gibt?

Die Dinge so sehen, scheint uns, heißt, sie unter einer falschen Perspektive sehen. Wenn Europa gerettet werden soll – und es ist kein Zweifel, daß hierzu große Anstrengungen vonnöten sind –, dann kann dies nur so geschehen, daß man beginnt das zu stärken und wiederzuerwecken, was das Wesen Europas und seine eigentliche Aufgabe in den fast drei Jahrtausenden seiner Geschichte gewesen ist: den europäischen Geist. Zwei Grundlagen sind es, auf denen er beruht, Christentum, und Humanismus, beide darin innig verwandt und sich gegenseitig befruchtend, daß sie den einzelnen Menschen in seiner Würde und der Unantastbarkeit seiner geistigen und sittlichen Freiheit achten, daß sie „den Schöpfer im Geschöpfe ehren“. Diese Selbstbesinnung Europas ist es, nach der es es streben gilt.