Giraudoux und Bridie im Westen

Ein uraltes Menschheitsmärchen, die Geschichte von der Vermählung eines Elementarwesens mit einem Menschen, hat Giraudoux zu einer Dämonologie der Liebe umgeformt. Diese Undine, deren einziges Vergehen es ist, daß sie den eisengepanzerten und doch schutzlosen Normalritter Hans von Wittenstein zu Wittenstein mit einer überschwemmenden und vernichtenden Liebe überfällt, muß dieses Vergehen zwar schmerzvoll büßen, aber ihr Schmerz füllt nur eine kurze Spanne ihres ewigen Daseins aus. Der Mensch jedoch muß den Anhauch des Elementaren mit dem Leben bezahlen. Das Märchenmotiv der Rache des Wasserkönigs, der den Menschen-Gatten Undines wegen seiner Untreue bestraft, wird hier also abgewandelt zu einer unausweichlichen seelischen Notwendigkeit des Todes. Der Ritter Hans weiß dies selbst. Vor ein Tribunal der Elementarwelt gestellt, fordert er, daß es dem Menschen gegönnt sei, allein auf der Erde zu sein, unbehelligt von den überall lauernden Dämonen, unerreichbar für die Geister des Elementaren. Und doch begreift man als er das sagt, daß dieser Überfall des Elementaren sein tiefstes Glück war, das er freudig mit dem Tode büßt.

Einen wunderbaren Theaterapparat hat Giraudoux um diese Fabel aufgerichtet: Zaubermärchen in der Fischerhütte, romantisch – ironisierendes Theater am Hofe mit Magiekunststücken des verkleideten Wasserkönigs, die janushafte Erscheinung der Spülmagd, die Rückverwandlung Undines durch den Zuruf aus ihrer Welt –, welche große Gelegenheiten, die der Regisseur H. C. Müller vollauf zu nutzen wußte. Ein Theaterabend von ganzer Vollkommenheit! In Henny Schramm war eine Darstellerin der Undine gefunden, die mit wahrer Universalität alle Seiten dieser schwierigen Rolle beherrschte, bis zu den letzten, opheliahaften Tönen der Fremdheit, des Vergessens. Begeisterter Beifall galt einem außergewöhnlichen Theaterabend. Grete Schüddekopf

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Aus den apokryphen Schriften, dem Buch Tobias, entsteigt der Erzengel Raffael und inszeniert moderne Komödie. Seine Flügel sind zwar verborgen, doch nicht beschnitten, und so umschwebt der Engel das Spiel als Schutzgeist des Lebens, das hier einmal nicht mit dem metaphysischen Nebelreich aus Schmerz und Grauen verwechselt zu werden braucht, wie es der moderne Autor aus den Wunden der Zeit vielfältig beschwört. Raffael wacht über ein Leben naiver Gläubigkeit und milden Gewissens, demütigen Humors und lächelnder Weisheit. Er ist weder Kulturphilosoph noch Demaskierungsfanatiker, weder Skeptiker noch Nihilist. Seine Liebe gehört durchaus dem Menschen, dem er sein bißchen süßen Wahn gern läßt.

James Bridie, Schotte von Geburt, fand in der biblischen Legende sowohl die sinnfälligen Stationen der Handlung als auch die Anlage der Charaktere weithin vorgezeichnet. Geleitet vom Erzengel Raffael in der Gestalt eines Lastträger, besteht Tobias, vom verarmten und erblindeten Vater auf Wanderschaft ins medische Land geschickt, seine Abenteuer und kehrt glücklich mit seiner jungen, vom Dämon Asmodi befreiten Gattin Sara heim. Das Märchen erfüllt sich, als der Erzengel durch den Sohn den Vater von seiner Blindheit erlöst.

Der Reiz des kleinen heiteren Spiels liegt in der anachronistischen Vermenschlichung der alten Legende, in ihrer Brechung durch den – gelegentlich bis zum Bonmot ausgeweiteten – Konversationston von heute. Daß das Stück nicht durchweg vom Erzengel, sondern auch vom Theaterteufel geritten wird, ist ein kleiner, durch den Rotstift auszugleichender Schönheitsfehler, der weder der menschlichen Wärme noch der wohltemperierten Heiterkeit Abbruch tut.