Von britischer Seite wurde vor kurzem die Feststellung getroffen, daß die Lebensmittellieferungen an Deutschland ihrem Umfang nach nicht etwa durch die verfüglichen Devisenbeträge begrenzt sind, sondern allein durch die Vorratslage in den Überschußländern (und, wie man wohl hinzufügen darf, gegenwärtig vor allem auch durch die Transportverhältnisse). Ausgezeichnet Nur paßt zu dieser Verlautbarung eigentlich kaum eine andere Zeitungsnachricht, die sich mit der Höhe der Lebensmittelrationen für die nächsten drei Jahre beschäftigte. Von britischer Seite, so hieß es da, sei ein allmählicher Aufbau der deutschen Normalverbraucherration auf 2100 Tageskalorien vorgesehen gewesen. Die Sachverständigen der USA aber hätten nur eine Menge von 1800 Tageskalorien – für drei Jahre! – zubilligen können.

Das ist eine erstaunliche Rechnung, Unter der Voraussetzung, die für uns eigentlich selbstverständlich ist, daß Mais und Gerste als Brotgetreide angesehen und verwandt werden, reichen bereits die Erträge des laufenden Erntejahres für die Versorgung der Welt aus, und von dem (rechnungsmäßigen) „Defizit“, das in den Versorgungsbilanzen lange genug gespukt hat, braucht nun nicht mehr die Rede zu sein. Dasselbe Bild wird sich wohl im neuen Erntejahr ergeben, selbst wenn die Ernten des amerikanischen Kontinents nicht wieder so hervorragend ausfallen, wie es diesmal der Fall war: Bei der fortschreitenden Normalisierung der Erzeugung überall in der Welt wird sich voraussichtlich ein Ausgleich anderswo ergeben. Erst recht kann man für 1948 und 1949 mit auskömmlichen Ernten rechnen. Warum also diese Planung auf lange Sicht? Warum die Festlegung auf jene 1800-Kalorien-Ration, die heute bereits den nichtarbeitstätigen – Insassen von Irrenhäusern und andern in Gewahrsam befindlichen Personen zugebilligt wird? Ein wenig Optimismus, eine leise Hoffnung auf kommende bessere Zeiten – das brauchen wir ja schließlich auch. Man sollte doch glauben, daß bis 1948 und erst recht bis 1949 eine Regelung möglich wäre, bei der Deutschland in den Stand gesetzt wird, die notwendigen Lebensmitteleinfuhren mit dem Ertrag seiner industriellen Arbeit selbst zu bezahlen und sich damit eine auskömmliche Versorgung zu sichern. Daß aber 1800 Kalorien nicht auskömmlich sind für eine arbeitende Nation, ist wohl hinlänglich klar. Und deshalb wenden wir uns gegen einen Planungsparoxysmus, der nun gleich für drei Jahre Dauer die Versorgungsenge als unvermeidlich ansieht, ohne die Chancen mit in die Vorausberechnung einzubeziehen, die in der Rückkehr zu normalen Produktions und Austauschbedingungen liegen.

Im Moment, da diese Zeilen geschrieben werden, läuft die Nachricht ein, daß die Bekanntgabe eines Kohlenmoratoriums für Deutschland unmittelbar bevorsteht. Damit erfüllt sich eine Forderung, die von der gesamten öffentlichen Meinung Deutschlands, und also auch von der „Zeit“, seit Monaten immer wieder mit allem Nachdruck geltend gemacht worden ist. Wir sind wieder ein Stück weitergekommen – ein kleines Stück freilich nur, denn eine Reihe weiterer Lebensnotwendigkeiten, darunter vor allem die Freigabe des direkten und individuellen Exports, bleiben zunächst unerfüllt.

Nach den Erfahrungen, die man mindern sogenannten Spartaplan und auch mit andern Planungen der Besatzungsmächte und ihres Behördenapparates gemacht hat, erscheint der Wunsch nicht gar zu vermessen, daß allmählich die Wirtschaftsplanung im ganzen mehr und mehr in deutsche Hände gelegt wird – oder daß doch wenigstens deutsche Stellen zunehmend zu verantwortlicher Mitarbeit an den Planungsmaßnahmen herangezogen werden; Daß Planung und Lenkung heute unentbehrlich sind, darüber ist kein Wort mehr zuverlieren. Aber eine Planung, die ohne erkennbare und zwingende Notwendigkeiten Not und Mangel – gleich auf Jahre hinaus festlegt, wird den sachlichen wie den psychologischen Gegebenheiten unserer Situation doch wohl kaum gerecht.