Tegernsee, im November

Wer aus der norddeutschen Tiefebene kommt, wo die Skelette zerschlagener Großstädte wie Friedhöfe verwester Ichthyosaurierherden wirken, und am andern Morgen sich am Rande jener Welt wiederfindet, wo Oberbayern die Kollektion seiner Berge, Seen, Schlösser ausbreitet, der glaubt, von einer Traumwolke in das wiedererstandene Paradies hineingetragen zu werden. Wenn nicht die Flüchtlinge wären, deren vielstimmiger Chor den Dialekt übertönt, am Lande selbst sieht man nichts von der Tragödie, die Europa in den Strudel der Vernichtung gerissen hat. Unberührt liegen die Alpen, ihre Almen und Dörfer da. Die Heiterkeit, die aus der Landschaft direkt emporzuquellen scheint, spiegelt sich in dem Barock der Kirchen, den bunten Fassaden der Häuser, in all den leuchtenden Tönen wider, die hier die Siedlungen der Menschen zu einem einzigen Farbwerk machen. Von Musik erfüllt ist diese Welt, und alte Stiche werden wieder lebendig. Denn Szenen einer Volksrevue, die man sonst nur noch von vergilbten Gemälden her kennt, sind es, Wenn die Alpenbewohner in ihrem farbigen Gewand, das Saumtier am Zügel; auf dem sonntäglichen Marktplatz Einkehr halten oder wenn sich in das Geläut der Kirchen das helle Glockenkonzert frisch bekränzter Herden mischt, die auf der Heimkehr von den herbstlichen Almen und in der Ruhe ihrer Rasse auf voller Straßenbreite behaglich dahintrotten. Von hier nach Artika, in die sonnige Szenerie des ländlichen Hellas, ist es nur ein Schritt.

Wirkt es nicht wie eine Bergpredigt des Lebens auf die zerrissene, verzweifelte Gemeinde der Deutschen, wenn in diesen Zeiten eines düsteren Fatalismus und einer nie gekannten Hoffnungslosigkeit des Dasein mit einer Vitalität bejaht wird wie in den Tälern Oberbayerns? Gewiß spricht hier auch Sorglosigkeit mit, die oft an Oberflächlichkeit grenzt, aber noch mehr eine Weisheit, die verkündet wird von den uralten Gipfeln der Berge und von den Kuppeln tausendjähriger Wallfahrtsstätten, vor deren Altären sich immer wieder menschlicher Jammer, grenzenloses Elend aufzutürmen pflegten, die immer erneut Hochfluten nationaler Not sahen, aber auch – ihre Ebbe. Auch am Tegernsee tränkten die Hunnen ihre Rosse, auch auf die Dächer oberbayrischer Dörfer setzten die Furien des Dreißigjährigen Krieges das Flammenbild des roten Hahnes, auch durch die Täler dieses Landes marschierten 200 Jahre später die Kohorten Bonapartes. Freilich, so groß wie jetzt war die Not noch nie. Deshalb predigten hier auch die Berge, wenn die Menschen schweigen wollen.

Stärker als alle Verzweiflung ist die Macht der Natur, ist die Daseinsfreude. Wer kann sich in den Wüsteneien des Nordens vorstellen, daß ein ganzer Ort, wie vor kurzem Tegernsee; von Malern, Maurern. Zimmerleuten in Fließarbeit renoviert, geputzt und gefärbt wurde, weil er seinen 1200. Geburtstag hatte! Durch die aufgehellten, vom Pilaster bis zu den Giebeln geschmückten Straßen, unter grünen Pforten hinweg schritt dann am Festtag der Kardinal, Erzbischof Faulhaber, folgten Äbte, Prälaten. Mönche, wallfahrteten in großer Prozession, die Bauern von Tegernsee. Egern, Kreuth, Wiessee, Gmund, von Holzkirchen, Schliersee, Bayrischzell. Weißhaarige Gebirgsschützen schulterten geschnitzte Handbeile, Silbertaler funkelten an kunstvollen Ketten, die Gewänder der Frauen starrten von schwerer Seide, wahre Blumenbeete grüßten von reichverschnürten Miedern wie von zierlichen Rokokobalkonen, der Baldachin schwankte wie eine rotgoldene Kogge und still ruhte die Reliquie in ihrem prunkenden Glassarg. Es war ein Rendezvous der Benediktiner. Trachten kannte man bewundern, wie man sie in solcher Fülle und Kostbarkeit nur selten erlebt. Der weißblaue Fahnenschmuck verliert an Ort und Stelle viel von seiner demonstrativen Gefährlichkeit, und das Volk scheint selbst von solch separatistischer Marschmusik nicht allzu begeistert zu sein.

Während so die bayrischen Einwohner sich an dem Glanz der Kirchenfarben erfreuten, aber im übrigen den lieben Gott einen guten Mann. sein ließen, der ihnen ihre herrlichen Berge schenkte, zeichnete sich in Gesprächen, der Kampf um die Renaissance der Kirche ab; Tegernsee, ein Ort, in dem die Benediktinerabtei immer geistiger Mittelpunkt war, wo um 1030 der „Ruodlieb“, der älteste deutsche Roman, entstand und der „Antichrist“, jenes eindrucksvolle Drama des Mittelalters, wo auch Walter von der Vogelweide, sich in das Gästebuch eintrug, wo Humanisten von hohem Ruf auf der Klosterschule wuchsen, Tegernsee ist nur ein Beispiel, wie aus der klösterlichen Sphäre heraus im Fluß der Jahrhunderte unser Kontinent sein abendländisches Gesicht erhielt. Nicht, daß hier, daß in Bayern alles, Wildnis, alles öde gewesen wäre, wie man es in der erhöhten Festesfreude der Jubiläumstage in Tegernsee darstellte, um von solch düsterem Hintergrund aus die kirchliche Schöpfung sich möglichst glanzvoll abheben zu lassen.

Aber trotz mancher Abstriche, die die sachlichen Köpfe unter der Zuhörerschaft sofort, nachten, bleibt das Werk von imponierender Größe. Zwischen machtvollem Aufstieg, hoffnungslosem Niedergang und neuem Werden triumphierte Immer wieder jener Glaube, jene Idee, die in ihrer Fruchtbarkeit zum Lebensschöpfer des Abendlandes geworden war. Sie überdauerten alle Gebrechen und Verbrechen ihrer .menschlichen Repräsentanten, bis in einem langwierigen Prozeß sich neue Kraftströme herauszukristallisieren begannen, die dann mit der Säkularisation auch das Ende des Klosters in Tegernsee (1803) brachten. Hinter der Verstaatlichung des Kirchenbesitzes stand der Schatten der Pariser Revolution und Napoleons.

Und wir erleben gerade in unseren Tagen den großangelegten Versuch einer Revolution dieser Entwicklung. Hat doch Kardinal Faulhaber bei seinem Aufenthalt in Tegernsee nicht allein, die Wiedererrichtung des Klosters angedeutet, sondern zugleich davon gesprochen, daß „alle Ruinen der Säkularisation wieder aufgebaut werden müßten“. Man diskutiert eifrig darüber, daß das die Propagierung einer neuen Gegenreformation von wahrhaft universalem Charakter sei, deren Vorbereitungen nicht erst von heute sind. Rom denkt nicht daran, den Gegenkräften das Feld zu überlassen, sondern hat mit allen Mitteln die Offensive inszeniert. Blitzartig wurde der Situations- und Machtwechsel vor aller Welt offensichtlich, als mit dem Ende des Krieges die Untergrundbewegungen Europas sich als die politischen Ideenträger des Vatikans präsentierten. Die politischen Schlüsselstellungen. fast des gesamten Abendlandes, soweit es nicht im Bannkreis Moskaus liegt, stehen heute wieder mit unter päpstlichem Einfluß. Auch auf der Kanzel in Tegernsee wurde die Forderung nach Autorität gestellt und dabei Benedikt mit einem Nachdruck zitiert, daß dieser Heilige ein überaus aktuelles Profil erhielt. Es war, als ob er plötzlich im Großformat auf der Bühne dieser Welt erschiene, um anzumelden – das neue Mittelalter. Schon die nächste . Zukunft dürfte darüber aufklären, ob diese neue Kraftentfaltung nur routinierte Technik oder schöpferisch genug ist, um Renaissance zu werden, ob es also Rom fertigbringt, einer in allen Fugen berstenden Welt die Rettungsleinen zuzuwerfen.