Von Willy Hellpach, Heidelberg

Es ist nun gerade ein halbes Jahrhundert her, daß Deutschland in jene wirtschaftliche Hochblüte eintrat, die fast zwei Jahrzehnte, bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges, währte und deren Einsetzen von den Gelehrten der Volkswirtschaft in der Regel auf das Jahr 1896 datiert wird. Nichts aber hat diese kurzlebige „prosperity“ so gekennzeichnet wie das Wachsen und Blühen der deutschen Städte. Deutschland wurde ein richtiges Großstädte-Reich; auch wenn man in Abzug brachte, daß zahlreiche Gemeinwesen, die stolz den hunderttausendundersten Einwohner verzeichneten und damit in die Reihe der „statistischen“ Großstädte einrückten, ihrer Wesensart und Lebensform nach durchaus mittelstädtischen Charakter bewahrten (wie etwa Karlsruhe, Rostock, Mainz), so redeten sich doch immer mehr Städte über die 300 000, die 500 000 hinaus, und Hamburg überschritt gar die Million, deren Dreifaches Berlin bereits hinter sich hatte. Orte wie Köln und Leipzig, die in ihrer höchsten mittelalterlichen Blüte wenig über die 30 000. hinausgelangt waren, zählten nun über eine halbe Million „Seelen“ und schienen es kaum erwarten zu können, die ganze Million zu erreichen. Es verdient angemerkt zu werden, daß zwar nicht wenige Städte damit ihr altes Behagen, ihre lauschigen Gärten inmitten Häusermassen, das geruhige Tempo ihres Lebens einbüßten, aber trotzdem die meisten auf Sauberkeit, Gepflegtheit, ja Verschönerung bedacht waren; eine wohltätige Wandlung in der Bauweise; die im Zuge der großen geistigen, die neunziger Jahre durchflutenden Bewegung sich geltend machte, half dazu mit. Entscheidend jedoch wurden zumeist die Verwaltungsspitzen – die Oberbürgermeister. Es kam die Zeit der „großen Oberbürgermeister“ in Deutschland herauf: Wermuth in Berlin, Adickes in Frankfurt (vor ihm schon Johannes Miquel), Peutler in Dresden, Adenauer in Köln, Luther in Essen seien nur als ein paar jedem geläufige Namern herausgehoben – aber auch die größeren Mittelstädte stellten bedeutende, scharf geprägte Persönlichkeiten heraus: Winterer in Freiburg, Beck in Mannheim. Schnetzler in Karlsruhe, das sind allein drei repräsentative Figuren aus Baden, denen sich Dutzende aus dem übrigen Reich anreihen ließen. Und jeder hatte den Ehrgeiz, hatte aber auch das Zeug dazu, seine Stadt zu vergrößern, sei es durch Neubauten, sei es durch immer umfassendere Eingemeindungen umliegender Ortschaften, zu sanieren, technisch zu vervollkommnen, zu verschönern, ihren Verkehr immer gewaltiger zu entfesseln, Tagungen, Jubelfeiern, Kongresse in die Stadt „zu ziehen“, ihre Finanzen vorbildlich zu lenken. Es hat etwas Vergleichbares meiner Kenntnis nach nirgends in der Welt gegeben. Die Bürgermeisterlaufbahn wurde unter den juristischen rasch die allergesuchteste für die intelligente und willenskräftige Elite, sie stellte bald sogar die staatliche Verwaltungskarriere in den Schatten; was bedeutete solch ein kleiner Landrat, seit.er nicht mehr einer der eingesessenen Großgrundbesitzer des Kreises war, neben dem Oberbürgermeister selbst der mittelgroßen Kreishauptstadt? Immer wenger! Hochbegabte, unternehmungsfrohe, ellenbogerkräftige junge Menschen mußte es locken, an die Spitze eines solchen Gemeinwesens zu treten, aus dem vollen zu wirtschaften, eine deutsche Stadt wirklich zu gestalten, zu prägen, umzuschaffen.

Menschen dieser Art besitzen Ehrgeiz. Uni der erste Schatten jener Entwicklung wurde schon damals vorzüglich in den kleineren und mittleren Städten sichtbar: die jungen Bürgermeister drängten weiter, an die Spitze immer größerer Gemeinwesen, sie betrachteten das Wirken in den bescheideneren als eine Art Vorübung, es verschaffte ihnen Namen und Ruf, es verbesserte ihre Fortberufungsaussichten. Eine Ruhelosigkeit kam in die oberste kommunale Personalpolitik, aber dieselbe Ruhelosigkeit auch in die kommunale Realpolitik, denn der ehrgeizige „Neue“ wollte eben immerfort Neues wirken, er plante unausgesetzt, und wenn er nach anderswohin „aufstieg“, hob mit seinem Nachfolger dessen gleichartige Besessenheit von Projekten an. Gewiß bedeutete das Ganze einen Prozeß an Tüchtigkeitsauslese, wie ihn theoretische Erörterungen oft gefordert hatten, wie er aber in der Staatsverwaltung so vollkommen nirgends erreicht war. Das später abgegriffene Schlagwort von der freien Bahn für den Tüchtigen schien hier vollsaftige Wirklichkeit geworden. Unerhört war ein Menschenalter hindurch das Wachstum, unvergleichlich die Blüte der deutschen Städte. Geradezu hinterwäldlerisch muteten daneben die Verhältnisse in den französischen und gar in den österreichischen Provinzstädten an, in denen der Bürgermeister ein reines Ehrenamt blieb und bald ein angesehener Advokat, ein politisierender Arzt, ein Ladeninhaber oder Handwerker war. (Wien natürlich ausgenommen; Prag fand erst als tschechoslowakische Staatshauptstadt den Anschluß an das große Rennen im Norden.)

Eingeweihtere erkannten, wie die Schatten jener triumphalen Entwicklung immer breiter und tiefer wurden. Die starken Männer an der Spitze der Großstädte trugen viel von der expansiven Unruhe und Ungeduld in die Nation, die ihr dann so verhängnisvoll werden sollte. Das krampfhafte Immergrößerwerdenwollen ergriff alle Schichten. Es war nicht etwa die Universität, es war die Stadtverwaltung von Freiburg im Breisgau, die den ersehnten dreitausendsten Studenten mit einer goldenen Uhr prämiierte. Immer weiterausgreifende Eingemeindungen kamen an die Tagesordnung, die die Viertel-, die Halb-, die Dreiviertelmillion Einwohner erreichen halfen. Ein Überbietungsfieber an Wohlfahrtseinrichtungen, Bautätigkeit. Kongreßveranstaltungen, Musikfesten, Theaterwochen, Kunstausstellungen, überhaupt Ausstellungen, Hochschulgründungen, Prunkhotels, Riesenbahnhöfen, Festhallen, Stadien. Arenen, Sälen für viele Tausende, Industrieanlagen, Häfen, Kaufhäusern, Mammutgaststätten kam über die Stadt,,väter“ – die dabei immer weniger zu sagen hatten. Denn die eigentlichen Selbstverwaltungsprinzipien gingen in diesem Taumel allmählich unter. Hatte die starke Position des Stadtoberhauptes, wenn er „ein Kerl“ war, den Vorzug, daß die eingerissene Parlamentsspielerei der Stadtverordnetenkollegien und Bürgerausschüsse mit dem Widersinn ihrer politisierenden Parteizersplitterung zur harmlosen Ohnmacht verurteilt ward, so umgab sich anderseits der leitende Mann mit einer mehr und mehr sich steigernden Kommunalbürokratie aus besoldeten hauptberuflichen Stadträten, Beigeordneten. Dezernenten, Stadtbeamten, von welcher recht eigentlich die Gemeinde verwaltet wurde, während er regierte.

In vielen Städten, sogar mittleren und kleineren, erinnerten die Stadtverordnetenkollegien an jenen Fimmelgottlieb in Thomas Manns „Königlicher Hoheit“, der täglich auf den Bahnhof geht „um zu winken“, das heißt das Abfahrtzeichen des Stationsvorstandes zu wiederholen, während der Zug sich bereits in Bewegung setzt. Es war Entscheidendes schon ausgemacht, ehe die „Vorlage“ überhaupt ans Stadtparlament kam. Nur zu verständlich, daß dieses für Männer von selbständigen Ideen und Planungen keine Anziehungskraft mehr hatte; die bedeutenden Ärzte, Juristen, Schulmänner, Kaufleute verschwanden daraus, immer einseitiger wurde es zum Tummelplatz von Duodezpolitikern, von betriebsamen Gschaftlhubern, die an den Techtelmechteln hinter den Kulissen Gefallen fanden und sich mit ihrem vermeintlichen „Einfluß“ in der breiten Öffentlichkeit wichtig machen konnten. Immer ausgeprägter entfaltete sich die autoritäre Herrschaftsweise des starken Mannes an der Spitze, des Oberbürgermeisters; verstimmte man ihn durch zuviel und durch wirklich tatkräftige Opposition, so lief man Gefahr, ihn zu verlieren, dann „ging“ er womöglich. Es gab also meist Scheinoppositionen, die der starke Mann nicht fürchtete; er wußte Bescheid, wo die wirkliche Kraft sich durchzusetzen lag.

Wo damals die deutschen Städte wuchsen und blühten, liegen heute Trümmerhaufen. Fünf Jahre haben alles vernichtet, was in mehr als fünfzig Jahren aufgebaut worden war. Schon aus materieller Not ist nicht daran zu denken, daß diese zerstörten Städte auch nur vergleichbar so wiederhergestellt werden könnten, wie – sie bis 1940 waren. Aber die materielle Not gebiert vielleicht, und das ist ja seit jeher ihre produktive Seite, eine ideelle Besinnung. Das Problem der Stadt, zumal der großen Stadt, der Riesenstadt, stellt sich uns heute in ganz neuer Fassung. Nahezu alles, was im vorigen Jahrzehnt dazu geforscht und geschrieben, gedacht und geredet worden, ist, erweist sich vor. der Wirklichkeit dieser unserer Gegenwart als hinfällig, als überlebt, als unbrauchbar. Wir müssen vor den Trümmern die deutsche Städtefrage neu zu denken anfangen. Und das begreift in sich, daß wir auch die Selbstverwaltungsfrage neu bedenken: was um so dringlicher wird, als vielfach die Gemeinden in der nächsten und wahrscheinlich auf geraume Zukunft hin Aufgaben übernehmen müssen, die vordem vom Staat, ja vom Reich versorgt worden sind. Nicht zum wenigsten vom kommunalen Leben her wird der Wiederaufbau Deutschlands seinen Ausgang nehmen!

Wie der stofflich-räumliche, Neubau unserer Städte am zweckdienlichsten zu bewerkstelligen sei, daran werden sehr verschiedene Kenntnisgebiete mitzuwirken haben, keineswegs nur der professionelle Städtebauer, sondern der Klimatologe, der Hygieniker, der Nationalökonom, der Soziologe. Für die personelle Leitung aber wären die „starken Männer“, von deren Segnungen wir nun übergenug Erfahrung haben sammeln können, gänzlich am falschen Platz. Es ist viel gesünder, wenn die Hochbegabten und Willenskräftigen, die Denkscharfen und Phantasiereichen sich auf die verschiedensten Lebensgebiete verteilen, als daß sie sich in einer einzigen Laufbahn zusammendrängen. „Große“ Stellungen verheißt zudem in absehbarer Zukunft keine „Karriere“ mehr. Und es hat andere Bereiche, zum Beispiel den Staat, an Tüchtigkeit geradezu mitverarmen helfen, daß soviel hervorragendes Können einseitig sich auf die kommunalen Gemeinwesen warf, wo es unvermeidlich, wegen deren räumlicher Engbegrenztheit, in übermäßiger Unternehmungsintensität sich auslebte, während ihm Aufgaben in Reich und Ländern viel mehr wohltätige Verteilung dargeboten hätten. Um wieviel wichtiger war ein Miquel als preußischer Finanzminister als auf dem Oberbürgermeisterposten von Frankfurt!