Wenig von der oft so spannungsreichen Dramatik in den Biographien historischerStaatsmänner haftet dem Lebensbild dieses Mannes an. dessen Weg wie eine Illustration zum „Zeitalter des schlichten Mannes“ anmutet Auch der im Rhythmus eines nüchternen Alltags Schwingenden Sphäre des Gewerkschaftsmannes und Parteisekretärs Vollzieht sich der Aufstieg in den geistigen Bezirk der Staatsmänner. Als am 31. Januar 1946 die Vollversammlung der Vereinten Nationen Trygve Lie zu ihrem Generalsekretär wählte, war die robuste, vierschrötige Gestalt dieses Norwegers der breiten Weltöffentlichkeit noch so gut wie unbekannt. Die ihn aus der politischen Arbeit her kannten, schätzten in ihm einen Mann, der eine freundliche Aufgeschlossenheit mit der Schweigsamkeit außenpolitischer Vorsicht als Erbe einer kleinen Nation in gefährdeter geographischer Lage verband. Immer war es diese besondere, durch jüngste Erfahrungen erhärtete und zu sorgsamster Abwägung aller Äußerungen nötigende Lage seines Vaterlandes, die das Auftreten dieses Mannes vor internationalem Forum bestimmte. Ständig erkennbar daher sein Bemühen, einen Ausgleich zwischen Ost und West zu finden oder ihn zu fördern, wo immer er sich anbahnt. Charakteristisch ist seine Rede vor der Vollversammlung der UN, in der er Norwegens Standpunkt zur Stellung der Großmächte im Apparat der United Nations bekanntgab. Die Großmächte trügen, so erklärte er, die unbestreitbar größte Verantwortung. Norwegen sei daher durchaus dafür, daß ihnen auch jener überragende Einfluß eingeräumt werden der dieser Verantwortung entspreche. – Ob in der Frage desEinflusses der Großmächte im allgemeinen, ob in der des Vetorechts im besonderen, stets vertritt Trygve Lie für Norwegen eine Haltung, die neben dem Einvernehmen mit den beiden angelsächsischen Mächten sorgfältig auch den – in seiner krassen Ausgeprägtheit nicht immer bequemen – sowjetischen Standpunkt berücksichtigt. Gerade seine Benennung für den Posten, des Generalsekretärs der UN verdeutlichte die guten Beziehungen dieses Mannes nach beiden Seiten. Sein Kontakt zur Sowjetunion geht insbesondere auf die Fühlungnahme zurück, die er 1941 im Exil zum Londoner Botschafter Maisky herstellte. Es ergab sich der seltene Fall, daß in den Beratungen der UN der personelle Wunsch der Sowjetunion sich auch als der Englands und der USA erwies.

Gleich seinem britischen Kollegen Bevin nahm er seinen Aufstieg aus der Arbeiterbewegung. Schon zwei Jahre bevor er als Student der Rechtswissenschaften 1914 die Universität Oslo bezog, war er der norwegischen Arbeiterpartei beigetreten und Mitglied der sozialdemokratischen Jugend-Vereinigung geworden, in deren Exekutivausschuß er bald aufgenommen wurde. Kaum als Anwalt zugelassen, wurde, er Sekretär der Norwegischen Arbeiterpartei. Als er drei Jahre später seine Tätigkeit als juristischer Berater des Norwegischen Gewerkschaftsbundes aufnahm, eröffnete sich ihm in der Schlichtung gewerkschaftlicher Lohnkämpfe jenes Feld besonderer fachlicher Bewährung, die ihn den Gewerkschaften bald unentbehrlich machte und in der Begründung seines Rufes die Grundlage seines weiteren Aufstieges schuf. Die äußeren Etappen dieses Aufstieges – das Justizministerium im Kabinett Nygaardsvold und 1939 die Übernahme des Ministeriums für Handel, Industrie und Schiffahrt – brachten es mit sich, daß er die Stunde des deutschen Überfalls auf Norwegen als Mitglied der Regierung dieses; Landes erlebte. Er war einer der letzten, die Norwegen im Juni 1940 verließen, und als er als Mitglied der emigrierten Regierung britischen Boden betrat, betrug sein englischer Sprachschatz kaum mehr als ein Dutzend Worte. In der Heimat wurden seine Möbel und Besitztümer durch die Deutschen versteigert, aber seine Freunde erwarben viele dieser Gegenstände und stellten sie im Jahre 1945 dem Heimkehrenden wieder zu. Dem Warten auf diese Heimkehr und der tatkräftigen Vorbereitung der Befreiung gehörten die fünf Jahre des Exils. Blättert man in den Zeitungen .seines Gastlandes oder denen der Nordamerikaner, so erfährt man allerdings über diese politische Tätigkeit verhältnismäßig wenig. Entsprechend dem Geschmack des angelsächsischen Publikums wird man dafür um so ergiebiger über seine privaten Lebensgewohnheiten belehrt. Man erfährt, daß er ein „sonniges Naturell“ besitze, aber leicht aufbrause, besonders, wenn er ermüdet sei, daß er heute Deutsch, Französisch und Englisch beherrsche, aber kein Russisch spreche und daß, wie besonders versichert wird, der finanzielle Aufstieg von 1000 £ steuerpflichtigen Einkommens als norwegischer Minister auf 10 000 £ steuerfreien Einkommens als Generalsekretär der UN für seine einfachen Lebensbedürfnisse keinen Wandel mit sich bringe, v. De.