Der nachstehende Artikel schildert die Lage Chinas, bevor General. Tschiangkaischek seinen Truppen die Einstellung des Feuers im Kampfe gegen die Kommunisten befahl. Das Bild hat sich jedoch durch dieses Zwischenspiel kaum verändert. Die von Tschiangkaischek für endgültige Waffenstillstandsvereinbarungen vorgesehene Frist ist inzwischen abgelaufen, und die Vorbereitungen der Kommunisten für den Kampf gegen die Zentralregierung werden fortgesetzt,

Am 10. Oktober, dem „doppelten Zehnten beging China den Geburtstag seiner Republik. An diesem Tag feiert die Nationalregierung seit ihrem Bestehen ihren größten Festtag mit Reden, Aufmärschen, Ehrungen“ des „Vaters der Republik“ – Sun-Ya-Tsen und Pailous, großen gezimmerten Ehrenbögen über den Straßen, die mit Girlanden, Blumen und Sprüchen verziert sind Während des achtjährigen Krieges stand dieser Tag im Zeichen nationaler Besinnung, an dem die Völker Chinas zu einem weiteren Ausharren aufgerufen wurden. Der 10. Oktober 1946 aber ging über einem China auf. das nicht in Festtagsstimmung war. Das Land, in dem die Kriege und Naturkatastrophen, Elend und Tod zu den alltäglichen Begleitern des Lebens gehören, ist in den Abgrund einer Krise gestürzt, die mehr noch als alle Stürme der bewegten vergangenen Jahrzehnte den innersten Lebensnerv des Millionenvolkes berühren. Die völlig zerrüttete wirtschaftliche Lage einerseits, das Fehlen einer starken Regierungsgewalt anderseits und schließlich der Bürgerkrieg bieten unlösbare, miteinander verquickte Probleme, an denen selbst Tschiangkaischeks im langen Krieg so bewährte Staatsführung zu scheitern scheint.

In den .acht Jahren des Krieges stand Chinas Wirtschaft stets haarscharf am Rande des Zusammenbruchs. Nur die Hilfe der alliierten Mächte und ein vorsichtiges Lavieren bewahrten das Land davor. Der Außenhandel, der 1937 vor Ausbruch des Krieges eine gewisse Blüte erreicht hatte, hörte bald fast völlig auf weil das nationale China gezwungen war, ein „Ritirado“ im innersten unwegsamen und verbindungsarmen Westchina einzunehmen. Von allen Einfuhren aus dem Ausland, dem reichen Küstengebiet und den fruchtbaren nördlichen Ebenen abgeschnitten, konnte’sidi das Leben nicht auf dem Vorkriegsstand halten, und die Zeichen einer Inflation erschienen schon damals am Horizont Die Kapitulation Japans gab Tschiangkaischek plötzlich das gesamte China wieder –, ein ausgehöhltes, zerstörtes und verarmtes Land. Der Aufgabe, möglichst bald eine Gesundung der Gesamtwirtschaftslage als Vorbedingung einer Normalisierung des Lebens zu erreichen/ zeigten sich die chinesischen Wirtschaftler nicht gewachsen. Verglichen mit der Situation im vergangenen Jahr scheint sich die Wirtschaftslage nicht gebessert zu haben. Ein industrieller Aufbau ist noch nicht in Angriff genommen worden, von den bestehenden Fabriken arbeiten weniger als 50 v. H., das Bahnnetz, das stets nur aus einigen Hauptverbindungslinien bestand, ist noch zerstört, die Ausfuhr minimal

Einem Neuaufbau am hinderlichsten aber stellt sich die Inflation in den Weg, die ungeahnte Ausmaße erreicht hat. Die Lebenskosten steigen von Monat zu Monat um etwa 25 v. H., die Gehälter versuchen mit ihnen Schritt zu halten, und ein Arbeiter verdient heute bereits das 8000fache seines Vorkriegslohnes ohne aber für sich und seine Familie auch nur eitlen Bruchteil dessen, kaufen zu können, was ihm früher erschwinglich war. Das frühere Verhältnis von 1 USA-Dollar zu etwa 20 Chinadollar ist so weit gesunken, das auf dem Schwarzen Markt bereits 4500 Chinadollar für 1 USA-Dollar gezählt werden. Die Verelendung der Massen in Stadt und Land, die Unbrauchbarkeit weiter Landstrecken, über die die Kriegsmaschine gerollt ist, die Zerstörung vieler Städte und Dörfer schließlich, alle diese Tatsachen beleuchten die Schwierigkeiten, die einem Neuaufbau Chinas entgegenstehen. Nur eine stark gefestigte Regierung hätte diesen Aufgaben gerecht werden können. Alle Hoffnungen sammelten sich auf den Generalissimus Tschiangkaischek, dessen überragende.Persönlichkeit das ungeeinte und zerrissene China in einem achtjährigen Krieg mit Erfolg zu einem Ganzen zusammenschmiedete

Nicht er. aber der Staatsapparat versagte. In all den Jahren des Krieges hatte die Regierung in Tschungking unter den primitivsten Verhältnissen ausgehalten – und funktioniert Das Ende des Krieges brachte eine Rückkehr in die Vorkriegshauptstadt Nanking und eine Ausdehnung der Regierungsgewalt über das ganze Land. Profitgier und Korruption begannen sich jetzt in die Reihen der Beamtenschaft einzuschleichen. Die langen Jahre der Entbehrung und des Leidens hatten alle von Tschiangkaischek inspirierten Grundsätze von Ehrlichkeit und Sauberkeit erschüttert, und sie brachen in dem Augenblick zusammen, als die Versuchung am größten, ihr Ausfall aber am schwerwiegendsten war. In seinem Kampf gegen den gefährlichsten Feind einer Einigung Chinas, den Bürgerkrieg, sieht sich Tschiangkaischek von seiner eigenen Beamtenschaft verlassen. Der Bürgerkrieg in China schließlich, das entscheidendste der drei Übel, an denen China heute krankt, kann wohl das Vorspiel des Dramas darstellen, das eines Tages vielleicht Weltkrieg Nr. 3 genannt wird. Es ist verwirrend, dem Auf und Ab der Kämpfe und Waffenstillstandsverhandlungen zu folgen, dem Spiel hinter der Szene nachzuspüren und die Aussichten der beiden Seiten gegeneinander abzuwägen.

Die Kommunisten Chinas versuchten nach dem Waffenstillstand. Japans das entstehende Vakuum dazu auszunutzen, ihren Einfluß auf große Gebiete auszudehnen. Die Einheit, die während des Krieges – wenn auch mit manchen Erschütterungen – durch die Front gegen den gemeinsamen Feind geschaffen wurde, brach auseinander, als das Rennen um die Herrschaft begann. Die Kommunisten glauben jetzt, die fast unbeschränkte Macht Tschiangkaischeks und seiner Staatspartei, der Kuo Min Tang, brechen zu können. Ein Zusammenstoß war unvermeidlich, und er ergab sich in Nordchina und In der Mandschurei nach dem Abzug der sowjetrussischen Besatzung. Seit einem Jahr tobt der offene Kampf an einer langen Front, die fast alle nordwestlichen Provinzen Chinas umfaßt. Mit einer Truppenzahl von 2 000 000 Mann, ausgerüstet mit amerikanischen Waffen und unterstützt von etwa 1000 Flugzeugen, hat Tschiangkaischek in den letzten Wochen einige Erfolge in diesen Kämpfen erhielt. Im Augenblick befinden sich die nationalen Truppen im Vormarsch auf Kaigan, die große kommunistische Festung im Norden, auf Harbin, die Mandschurische Handelsstadt, wo die Kommunisten vor kurzem ihre eigene Regierung für die Mandschurei einsetzten, und in Richtung auf Antung, die mandschurisch-koreanische Grenzstadt. Trotz verschiedener empfindlicher Niederlagen, so bei Taitung, Tsining und Huaiyin, ist die Rote Armee, deren Stärke von General Chu Teh, dem kommunistischen Befehlshaber, mit 1 200 000 regulären und 2 000 000 irregulären Truppen angegeben wird, • noch, schlagkräftig genug, eine Offensive zur Entlastung des Angriffs auf Kaigan gegen Paoting, eine Station auf der strategisch wichtigen Bahnlinie von Peiping nach Hankao, zu beginnen.

Währenddessen folgen sich die Waffenstillstandsbesprechungen die durch Vermittlungen des amerikanischen Sonderbevollmächtigten General George Marshall und des amerikanischen Botschafters Leighton Stuart zustande gebracht werden. Die Verhandlungen haben dazu gedient, die unüberbrückbaren Gegensätze zwischen den beiden Seiten aufzuzeigen. Die Kommunisten verlangen unter anderem ein Ende der Vorherrschaft der Kuo Min Tang, eine Koalitionsregierung mit starker roter Beteiligung, Freiheit der Propaganda und Selbständigkeit der Roten Armee. Tschiangkaischeks weiteste Zugeständnisse sind 13 Sitze von 40 in dem Staatsrat, einer exekutiven Körperschaft, die die Republik bis zu einer Ausarbeitung einer Verfassung führen soll, und die Eingliederung der Roten Armee in die nationale Armee in einem Verhältnis von 18 zu 50 Divisionen. Er fordert eine Rückkehr der Mandschurei, die zu zwei Dritteln von der Roten Armee besetzt ist, in den Machtbereich der Zentralregierung.