In einer Ackerfurche, in der Nähe der Feldergrenze seines Grundbesitzes des Hartschimmelhofes bei Pähl am Ammersee, fand man im Frühjahr 1946 die Leichen Professor Karl Haushofers und seiner Frau. Die Likörgläser, die den erstarrten Händen entfallen waren und seltsam beziehungslos neben den Toten lagen, enthielten die Reste eines starken, schnell wirkenden Giftes.

Mit Karl Haushofer ist einer der geistigen Wegbereiter des „Dritten Reiches“ dahingegangen, dessen geopolitische Schriften, namentlich seine Werke „Geopolitik des Pazifischen Ozeans“ und „Grenzen“, der nazistischen Ideologie einen verführerischen Stoff zuführten; denn er vertrat die Ansicht, daß alles politische Leben geographisch bedingt sei. Das war eine Ansicht, die Hitler nur willkommen sein konnte. Der Halbgebildete nahm sie für bare Wissenschaft, und Haushofer, aus einer alten bayrischen Bauernfamilie stammend, unter dem Hause Wittelsbach Generalmajor der bayrischen Armee, wurde unter dem Hause Hitler Präsident der Deutschen Akademie.

Ein Mitarbeiter der „Schweizer Illustrierten Zeitung“, der Haushofer vierzehn Tage vor seinem Tode aufgesucht hat, berichtete vor einiger Zeit über sein Gespräch mit ihm. Danach sagte Haushofer: „In den zwanziger Jahren bin ich mit den Nazis eine Art von biologischem Bündnis eingegangen. Rudolf Heß habe ich Freund und Assistenten genommen. Durch ihn bin ich mit Hitler bekannt geworden. Ich habe Adolf Hitler damals auf der Festung Landsberg verschiedentlich besucht. 1923 und 1924 hat der Häftling, was sich an geopolitischer Literatur auf der Festung fand, nur so zerlesen. Mit heiliger Glut, steht irgendwo bei mir, habe er gelesen. Nun ja, ich habe die Leute angeregt, beraten. In gewissen Partien von „Mein Kampf“ ist das stark zu spüren. Aber dann haben sie meine Gedankengänge falsch und propagandistisch popularisiert...“

Ich erzählte ihm, so fährt der Berichtet fort, wie ich vor zwölf Jahren vom Sprengstoff schrieb, den er bildete und den unter die inneren und äußeren Linien Europas zu legen er die Deutschen unentwegt lehrte, und wie in meinem Lande schließlich das Wort fiel von der „Verfluchten Seele des Dritten Reiches“, die mir nun gegenübersitzt. – Es verändert sich nichts in seinem wetterfesten Gesicht, das Augenblicke lang ins Zeitlose entrückt, und die feinen Hände – was eben nicht bäuerlich an ihm ist – zucken nicht auf der dunklen Holzplatte. Seine Augen füllen sich mit Schrecknissen, wie Gryphius sie im Dreißigjährigen Kriege sah und wie Haushofer sie bisweilen jetzt noch rings um Riesen und den eigenen Hof erblicken kann. – Und Haushofer spricht weiter: „Die Nachrichten von den Greueln, die die Deutschen begangen, fallen wie Hammerschläge in meine Einsamkeit. Ich weiß, das Grauen ist an meinen Namen unlösbar verknüpft. Ich kann mich nicht gleich manchen anderen in ein. Gestern hüllen: ein vielgeflickter heroischer Mantel. Was ich formte, ist den andern in der Hand zersprungen und hat weltweit alles zertrümmert. Als ich nach dem Bruch des Münchner Abkommens begriff, war es zu spät geworden. Meine Frau hat jüdisches Blut. 1941 und 1944 bin ich verhaftet und auch im Konzentrationslager gewesen, wie fast die ganze Familie. Mein ältester Sohn. Albrecht, ist im vergangenen Jahr durch die Gestapo ermordet worden. Sie werden hören, wie seine Gedichte ihn zur symbolischen Figur des letzten hoffnungslosen Widerstandes gegen die Diktatur werden ließen. Eine Zeitlang schien es, daß ich selber zu den Kriegsverbrechern käme.“

Der Bericht des Mitarbeiters der obengenannten Zeitung schließt mit den Worten: „Vierzehn Tage später gingen Karl Haushofer und seine Frau den letzten Weg. Und den nur bis an die Grenze seines eigens. Er verteilte einst und steckte ab weltweite Fluren, er selber machte Frieden in der ruhigsten und schmälsten Flur, in einer Ackerfurche. – Vor seinen Grenzzeichen, die immer weiter nach außen rückten, flohen die Völker Europas. Er flüchtete sich bis an die eigene Allmend- und Hofstattgrenze. Wie wenn er sagen wollte, daß Menschen und Völker nur das haben sollen, was ihnen rechtmäßig gehört.“

Ein Mensch, mitschuldig an dem Unheil, das mit dem Nazismus über Deutschland hereinbrach, verspürte am eigenen Leibe das unselige Wirken der Geister, die er herbeirufen half.

Adolf Nowakowski