Die Ausführungen von Georg Kessel, in Nr. 37 der „Zeit“ zum Thema „Wer soll erfassen?“ werden Zustimmung finden. Die wichtigere Frage aber lautet: „Was ist zu erfassen?“ In diesem Zusammenhang ist von Interesse, daß nach wie vor, auch bei dieser Ernte, derjenige Bauer, der in der Erzeugung versagt, mit einem geringen Ablieferungssoll belegt ist. Man ging dabei wohl von der Binsenwahrheit aus, daß niemand mehr liefern kann, als er hat. Längst aber hat sich der Grundsatz bewährt, daß jedem Schaffenden ein bestimmtes Pensum zugeteilt wird, das er erfüllen muß, und daß die über dieses Pensum hinausgehende Leistung besondere Anerkennung oder Gegenleistung findet. Die Methode, daß, je weniger der einzelne leistet, desto weniger von ihm zu verlangen ist, dürfte in der Wirtschaft nicht mehr allzu verbreitet sein. In jedem Landkreis gibt es landwirtschaftliche Betriebe, die auf allen Erzeugungsgebieten, dem Ackerbau wie der Tierhaltung, versagen und weit hinter den benachbarten Betrieben zurückbleiben, die unter gleichen Produktionsverhältnissen arbeiten. Ihre geringen Ablieferungen sind den Kreisbauernschaften bekannt. Wenn ihr Versagen nicht auf einmaligen oder vorübergehenden Gründen beruht, sondern auf andauernden, so ist das angesichts der Hungersnot ein Vorgang von vitaler öffentlicher Bedeutung. Wird er durch die Auferlegung eines unterdurchschnittlichen Ablieferungssolls amtlich anerkannt, dann kann man wirklich von Ideenarmut und Sterilität des Zentralamtes sprechen.

Das Ablieferungssoll muß den normalen Erzeugungsmöglichkeiten je Flächeneinheit angepaßt werden, die die landwirtschaftliche Fachwelt nach Boden, Lage, Klima und durchschnittlicher Betriebsführung beurteilen kann und in jeder Gegend kennt, und deren Höhe von der Selbstverwaltungsorganisation der Ernährungswirtschaft daher in jedem Erntejahr festgelegt werden kann. Damit ergibt sich das Ablieferungssoll aller Betriebe, das bei gleichen Erzeugungsmöglichkeiten gleich hoch ist. Geringe Nichterfüllungen des einzelnen Betriebes mögen hingehen Der hungernden Bevölkerung ist aber nicht zuzumuten, daß Jahr für Jahr Betriebe weniger als die Hälfte ihres Ablieferungssolls erfüllen, das bereits ihrer geringen Leistungsfähigkeit angepaßt war, und damit weit hinter der Leistung des Durchschnitts zurückbleiben, ohne daß ihnen dadurch der geringste Nachteil entsteht.

Jedem Landwirt soll das Recht zustehen, über das ihm auferlegte Ablieferungssoll Beschwerde zu führen. Auch eine zweite Instanz mag über seine Berufung entscheiden. Der Betrieb aber, der weniger als einen bestimmten Prozentsatz dessen liefert, was seine Berufsorganisation billigerweise von ihm verlangt und die hungernde Bevölkerung daher von ihm verlangen muß, der muß auf die Fähigkeit seines Leiters geprüft und die Gründe für sein Versagen müssen – gegebenenfalls durch den Wechsel des Leiters – abgestellt werden.

Das Ablieferungssoll ist auf alle Produkte des Betriebes auszudehnen. Einengung und unnötige Bevormundung fallen dann fort, wenn das abgelieferte Mehr an einem Produkt das Weniger an einem anderen Produkt ausgleicht. Der Verrechnungsschlüssel ist leicht zu finden.

Diejenigen Erzeuger, die die geforderte Leistung überschreiten, sind für die Allgemeinheit ebenso interessant wie die Versagenden. Der Möglichkeiten, ihre Leistungen anzuerkennen, gibt es viele.

Die Gesamtleistung einer Gruppe kann dadurch erhöht werden, daß alle Mitglieder mehr leisten. Das setzt eine Verbesserung der Erzeugungsbedingungen voraus. Dieser Weg soll hier nicht besprochen werden. Die Gesamtleistung einer Gruppe wird aber auch dadurch erhöht, daß die schlechtesten Mitglieder aus ihr ausscheiden und durch bessere ersetzt werden. Hunderttausende von Landwirten sind besitzlos geworden. Es kann für ein organisatorisch befähigtes Volk keine besondere Aufgabe sein, die Bewährten von ihnen zu finden und sie zu ihrem wie zum allgemeinen Nutzen einzusetzen.

Allerdings, setzt das den Entschluß voraus, die Bauernschaft nicht als unantastbar anzusehen. Gewisse Lobpreisungen und Verbeugungen/seitens der Leitung des Zentralamtes könnten in dieser Hinsicht einige Bedenken zulassen. Es dürfte angesichts der hohen Leistung der deutschen Landwirtschaft nicht zuviel sein, anzunehmen, daß dieser Berufsstand selber bereit ist, unentwegt Versagende durch Tüchtige ersetzen zu lassen.

Landwirt F. Wagner, St. Peter-Ording.