„Schlingpflanzen“ nennt man in Paris die gertenschlanken eleganten Damen, die die handschuhengen Kleider des Modewinters 1946 spazierentragen. Spiralenartig, in kühnen Drapierungen winden sich die Stoffe um die ranken Gestalten und betonen an Hüften und anderen Partien weibliche Linien, die gar nicht da sind. Die Abendkleider, mit Perlen, Pailletten und Straß oder Edelsteinen reich bestickt (wer’s kann, der kann’s), Werden so eng gearbeitet, daß die Damen wie glitzernde Sirenen wirken. Die neuen Schöpfungen der Modekönige an der Seine suchen Ähnlichkeiten mit den Zeiten von 1920 bis 1925. Die seit vielen Jahren so brav gerühmte Lust nach Abwechslung hat die Röcke sehr eng und sehr viel länger werden lassen, hat die Pelzkragenmäntel wieder hoch um das Gesicht gestellt, und der Topfhut der ersten Jahre nach dem ersten Weltkrieg mit hohem Kopf und schmalem Rand, der damals tief in der Stirn und über den Ohren saß, wird der Modehut von heute genannt. Die Haute couture kreiert, und die kostbaren Auslagen der Champs-Elysees füllen sich. Die Ideen sind nicht ganz neu, dafür aber die Preise neu und phantasievoll, und nicht jeder kann kaufen, was glänzt.

Wir armen Leute in den Zonengrenzen haben außer der vorschriftsmäßigen sehr schlanken Figur keine Voraussetzungen für modische Ambitionen. Die Interessierten, die hofften, mit alten Wolldecken, Vorhängen, Gardinen oder guten Beziehungen noch neue Effekte zu erzielen, konnten auf Modeschauen in Hamburg oder in Düsseldorf die neue Linie, gezügelt durch stärkste Materialknappheit, in Augenschein nehmen. Die Uninteressierten, die die Mäntel schon zum zweiten Male gewendet haben und auch Frack und Smoking des Herrn Gemahls schon verarbeiteten, geben die Hoffnung nicht auf, daß sie als Sechzigerinnen wieder die Chance haben, modisch up to date zu sein.

Ein Salon, der in einen kleinen Ort im Harz ein Modezentrum verlegte, dort in kleinem handwerklichem Betrieb selbst spinnt, färbt und strickt – ja, strickt –, läßt nicht nur sportliche Strümpfe und Handschuhe entstehen, sondern gestrickte Handtaschen, die in der Eleganz der Verarbeitung, wenn auch nicht in der Haltbarkeit bestes Ledermaterial ersetzen, und gestrickte Hüte, die mit malerischen Schals und betonten Nackenpartien die Köpfe mit den neuen, im Schwarzhandel nicht ganz billig zu erstehenden Zöpfen umschmeicheln.

E. M.