Eine Rede an junge Deutsche, die auch heute immer noch abseits stehen

Ernst Ferger

Demnächst erscheint bei Claassen & Goverts, Hambur g, ein Buch unseres Redaktionsmitgliedes Ernst Friedlander Ernst Ferger): „Deutsche Jugend.“ Die Schrift, die vorher in einem Züricher Verlag erschienen war, wendet sich an fünf nach ihrer geistigen und seelischen Haltung sehr unterschiedliche Gruppen junger Deutscher: an die Trotzenden, an die Skrupellosen, an die Müden, an die Traditionsgebundenen, an die Suchenden. Die hier folgende erste Rede „An die Trotzenden“ richtet sich an die noch von nationalsozialistischen Vorstellungen Gefesselten.

Ihr seid aufgewachsen im Glauben, daß ihr eine Sendung zu erfüllen habt Sie heißt Deutschland. Zu ihrer Vollendung saht ihr euch einen Führer erstanden, jenseits des menschlichen Maßes, den Mann des Jahrtausends. Euch war, was er verkündete, Wahrheit; was er wollte, Befehl; was er tat, Offenbarung. In ihm glaubtet ihr den Genius Deutschlands zu schauen, so daß ihm dienen und dem Volke dienen in eins verschmolz. Diese Einheit war euch der Sinn eurer Treue und eures Gehorsams. Der Dienst aber hieß Kampf. Und so habt ihr kämpfen gelernt im Frieden und gekämpft Im Kriege. Euer Leben erschöpfte sich in der Dynamik des Marschierens gegen einen Feind. Wohin der Marsch ging, wer der Feind war, das bestimmte der Führer. Solange er als Deutschland galt, waren jedes Ziel und jeder Weg durch ihn gegeben, während für euch das Opfern, Dienen und Gehorchen blieb. Vielen, den meisten von euch war das, was ihr euren Einsatz nanntet, im Glauben an die Sache Lohn genug. Manchen ist die Welt des Krieges derart zur Heimat geworden, daß sie nicht mehr danach fragten, um was es ging, und nur wenigen fiel ein Fetzen eigener Macht zu, der Ihnen wichtiger wurde als alles andere. Aber ob ihr gläubige Kämpfer oder glaubenslose Landsknechte oder endlich Nutznießer wart, es ist euch allen wohl dabei gewesen. Der Rhythmus der Zeit war der Rhythmus eures Lebens und deshalb etwas Selbstverständliches, das keinen Wunsch nach Änderung zuließ.

Und jetzt, für euer Verstehen fast über Nacht, ist all das zusammengebrochen, was eure Welt und euer Dasein in ihr ausmachte. Der Führer ist nicht mehr und sein Reich ist nicht mehr. Der totale Krieg hat mit der totalen Niederlage Deutschlands geendet, und von allen Seiten ist der Feind ins Land gedrungen. Das deutsche Volk ist nicht allein unter 1939 und 1933, sondern tief unter 1918 abgesunken, machtlos und wehrlos, ein Objekt, über das andere beschließen. Eine Woge von Haß und Empörung hat sich gegen Deutschland erhoben und zumal gegen alles, was nationalsozialistisch hieß.

Die Weltanschauung, in der ihr aufgewachsen seid, gilt plötzlich als das Böse schlechthin, als das mit allen seinen Wurzeln Auszurottende. Wer gestern noch als Held gerühmt wurde, wird heute als Kriegsverbrecher verfolgt. Nicht allein mit den Siegern bricht diese Umwertung aller Vierte in Deutschland ein. Im Lande selbst ist eine jähe Wendung zu verzeichnen. Der Begeisterung ist der Haß gefolgt. Wer irgend kann, sucht sich selbst in Sicherheit zu bringen und zu erweisen, daß er nicht dabei war, daß er nie daran geglaubt hat, daß er, wenn überhaupt, dann nur gezwungen mitmachte. Es ist eine allgemeine und gewiß in vielen Fällen wenig heldenmütige, wenig treue Flucht aus der Verantwortung. Aus dem „Der Führer hat immer recht“ ist ein „Der Führer hat immer unrecht gehabt“ geworden, und wer die Hand noch zum Heilruf erhebt, gilt als ein Narr.

Die Grade der Umwertung