Der Verlag (Kurt Desch, München), nennt Kasimir Edschmids neues Buch („Das gute Recht“) einen Roman. Also gerinnen Begebenheiten und Schicksale zum Weltbild? Also gehen uns die Gestalten des-Buches wie lebendige Menschen nahe und nach? Dazu, mit Verlaub, lebt das Buch doch zu sehr aus dem „Bezug“: auf die Zeitumstände der letztvergangenen Epoche. Es ist Chronik, wenn auch von einem sehr persönlichen Blickwinkel aus und insofern allerdings in der Nähe des Schlüsselromans: man spürt die „Modelle“; sie sind nicht durch die „Figur“ überwältigt und ausgelöscht. Wo derlei statthat, herrscht die Sphäre der Indiskretion.

Wer sich indessen darüber und über die Huldigungen, die der Autor seiner eigenen Spiegelfigur Rotenhan entgegenbringt, hinwegzusetzen versteht und wer sich von dieser Chronik nicht die Wiedergabe der brennenden Abenteuer und Ungeheuerlichkeiten unserer Epoche erwartet (wie sie dem Soldaten, dem Lagergefangenen, dem Flüchtling und Landesvertriebenen zuteil geworden), der wird entdecken, daß Edschmid dennoch von etwas sehr Gewichtigem handelt: nämlich von der Verstörung der Urzelle menschlicher Gemeinschaft, von der Entrechtung der Familie, der Abwertung des Hauses zum Unterschlupf. Er läßt uns, in zwei Etappen, jene vom Staat befohlene Infiltration miterleben, die, durch steigende Kriegsnöte begünstigt, nicht nur als Verstörung des im Hausrecht geschützten Lebensraums der Familie auftritt, sondern sich häufig genug handfester Einbruch erweist – mit dem Ziel, das Gastrecht außer Kurs zu setzen und das Eigentum des andern an sich zu bringen. Eines Tages wird man ja wohl die besondere Tragik unserer Zeit auch darin erkennen, daß sie – wie keine zuvor in die Situation des „Kindlein, liebet euch untereinander!“ versetzt – alles tat, diese Haltung zu erschweren, indem sie durch Zwänge und angemaßte Rechte die Freiwilligkeit verletzte, aus der allein der Segen der Liebestat aufgehen kann. Es ist dies der Punkt, der alle Anhänger von Zwangssystemen, auch wenn sie im Augenblick entmachtet oder noch nicht an der Macht sind, getrost in die Zukunft blicken läßt: eine schauererweckende Mehrheit huldigt faktisch der Anschauung, daß Eigentum Diebstahl sei und zum Wiederstehlen berechtige, daß es also kein Eigentumsrecht gebe, sondern daß Eigentum lediglich Funktion der Gewalt-Habe sei –, woraus sich die wüsten Expropriationen dieser Zeit hinreichend erklären.

Man würde auch Edschmids Buch zu oberflächlich nehmen, wollte man daraus nur die Lehre ziehen, daß alle Menschen, die einen wie die andern, sich „entlarven“, sowie man sie in bedrängende Lagen bringt, und daß besonders dieses Jahrhundert in seinem Pöbelgeist nicht die Hilfen anbietet, die uns hinaushöben über das was sittlich anspruchsvollere Zeiten Diebsgesinnung, Räubermoral hier und Herzenstaubheit dort genannt hätten. Man muß vielmehr sehen, daß hier ein wirklicher Abschlag geschildert wird, und zwar einer den der mechanistische Staat gegen die weit ältere und ehrwürdigere Gemeinschaftsform der Familie richtet, weil sie seinem molochhaften Totalitätsanspruch widerstreitet. Es ist unausweichlich, daß der Mensch an diesem Übergriff des technisierten Ungeheuers zugrunde geht, und es ist fast unverständlich, daß – nach unseren Totalitätserlebnissen! – noch immer Menschen glauben können, man hätte nur diese Mechanik zu „verbessern“, so sei das Glück der größten Zahl die unausbleibliche Folge. Wie das war, ist und immer wieder sein wird, dafür bietet uns Edschmids Zeitspiegel ein unwiderlegliches Zeugnis an, und es könnte den Blick für das Tödliche des Anschlags schärfen, wenn viele sich entschlössen, die dort geschilderte Situation des geistigen Menschen nicht als etwas Abseitiges, sondern als die Flutmarke anzusehen, die das Hochwasser für alle verkündet.

Gewiß. Der selbstgefällige Beigeschmack des Buches steht dieser Erkenntnis leider im Wege. Es wird kaum an Stimmen fehlen, die unter dem Hinweis auf die Tausende, denen es unvergleichlich übler erging, den Figuren des Buches in ihrer vergleichsweisen Behütetheit und Katastrophenferne das Recht bestreiten zu lamentieren. Aber dieser Einwand übersieht doch, daß gerade durch die (äußerlich verstanden) Abgelegenheit des Falles die Wirkkraft und Fortgeschrittenheit des Zerstörerischen viel deutlicher wird, als wenn ein außerordentliches Schicksal im Schnittpunkt der Zeitereignisse das Thema bildete. Man mag es bedauern, daß die Aufgabe, der Vita contemplativa die Ehrfurcht zurückzugewinnen, die ihr von Seiten der Menge gebührt, hier durch mancherlei Eitelkeiten eher gestört als befördert wird. Aber daß da etwas veranschaulicht wird, was jeden angeht, der Einbruch in die Zone des persönlichsten Lebens, das sollte gleichwohl nicht übersehen werden.

Damit beantwortet sich die Frage, die unseren Ausführungen voransteht. Das gute Recht, um dessentwillen wir auf tausend Buchseiten zwischen Welt und Ich immer wieder dem Niederträchtigen konfrontiert werden, das nach einem Wort Goethes „das Mächtige“ ist, das gute Recht, gegen das der vergangene deutsche Totalstaat mit so infernalischer Unbekümmertheit, aber weder allein noch zuerst noch auch als letzter, zum tödlichen Streich ausgeholt hat, dieses gute Recht ist der Anspruch des Menschen auf einen unverletzlichen Bezirk, in den weder der Staat hineinzuregieren noch andere Menschen hineinzuleben haben. Es ist das, was man unter der vielberufenen Freiheit des Individuums versteht, und diese unsere Zeit wird nach dem, was sie unternimmt, diese millionenfach zertrümmerte Freiheit wieder zu ermöglichen, eines Tages gerichtet werden, gerichtet oder gerettet sein. Wenn Edschmids Aufzeichnungen über eine innerlich noch keinesfalls überwundene Epoche menschlichen Niedergangs dazu einen Anstoß bieten, sollen sie uns auch als das Privatissimum, das sie sind nicht lediglich anstößig, sondern nach dem Maß ihrer Bemühung um ein volleres Menschenbild wert und willkommen sein.

Hanns Braun