Starke Resonanz findet gegenwärtig in Hamburg eine Vortragsreihe, in der sechs deutsche Gelehrte von Weltruf, nämlich Nicolai Hartmann, Pasqual Jordan, Ernst Beutler, Werner Heisenberg, Helmuth Thielecke und Victor von Weizsäcker, nacheinander zu Wort kommen sollen, um das moderne Weltbild zu beschwören. Wenigstens scheint dem Veranstalter dies als Ziel seines Unternehmens vorgeschwebt zu haben. Und er bot zu diesem Zweck auf: einen Philosophen, einen Physiker, der zugleich Biologe ist, einen Literarhistoriker, noch einen Physiker, einen Theologen und einen Mediziner, dessen vorwiegende Interessen auf psychologischem Gebiet liegen. Im Zeitalter der Vorsokratiker hätte man sich solche Koryphäen aus Milet und Elea verschrieben: Anaximander und Arnim nes. Xenophanes und Parmenides, Heraklit aus Ephesus und Pythagoras aus Unteritalien nicht zu vergessen. Heute kommen sie aus Göttingen, Frankfurt, Heidelberg und Tübingen, worunter Göttingen mit seiner hohen Konzentration wissenschaftlichen Geistes derzeit in Deutschland offenbar die Stellung des alten Elea einnimmt. Darf sich danach Hamburg in der Rolle Athens gefallen?

Allerdings zeigt unsere heutige geistige Situation gegenüber der damaligen, als sich die abendländische Wissenschaft gerade am Anfang befand, einen wesentlichen Unterschied. Damals hätte jeder dieser erlauchten Weisen den andächtigen Athenern ein komplettes Weltpanorama vor Augen geführt mit Land und Meer, Sonne und Sternen, Göttern und Menschen, und das Publikum hätte davon dasjenige ausgesucht, das ihm am besten gefiel Heute behauptet kein ernst zu nehmender Forscher mehr, daß er von sich aus die Welt als Ganzes darstellen oder deuten könne. Vielmehr strebt jeder in seinem Fach nach einer begrenzten, aber allgemein gültigen Erkenntnis. Auf diese Weise erhellt sich ihm ein kleines Gebiet, das herausgeschnitten ist aus dem großen Dunkel wie der Fleck, auf den der Lichtkegel eines Scheinwerfers fällt. Nun heißt es noch, diese verschiedenen Flecke zusammenzusetzen und in einen Sinnzusammenhang zu bringen – ein aufregendes Spiel des Geistes mit immer neuem Ausgang. Trotzdem hat jede Zeit diese Aufgabe zu leisten, und auch wir brauchen heute zu unserer Lebensorientierung die Sicht auf das Gesamtbild der Welt, wie es die Wissenschaft in mühsamer Mosaikarbeit laufend zusammensetzt.

In der Hamburger Vortragsreihe werden also – in populärer Form – die Ergebnisse bekanntgegeben, zu denen das zentrale Forschungsanliegen eines Faches geführt hat, sofern darin ein wesentlicher Teilaspekt gelang.

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Ein „Eleat“ machte den Anfang: Nicolai Hartmann.

Mit der Entscheidung für ein ethisches Thema – Hartmanns Vortrag handelte vom Wesen sittlicher Forderungen – bekannte sich der Göttinger Ordinarius für Philosophie zur Anerkennung der besonderen Aktualität und Dringlichkeit, die in der heutigen Situation der sittlichen Not zukommt. Sie ist überall aufgebrochen wie eine schwärende Wunde der Zeit. Auf keinem Gebiet herrscht eine ähnliche Unsicherheit und Ratlosigkeit. Die sittlichen Werte sind ins Gleiten geraten. Es gibt keine hohe heiligende Macht mehr, die sie stützt. Weder Mythus noch Religion verleihen ihnen heute jene Verbindlichkeit, durch die sie sich einst in unbestrittener Geltung zu behaupten vermochten. Sinken sie endgültig dahin oder befinden wir uns nur in einem radikalen Umbruch, in einer Umwertung aller Werte, wie sie Nietzsche verkündet hat?

Dieser Anschein trügt. Mit der heiteren Gelassenheit des Weisen, die den alten Mann am Pult während seines wunderbar fließenden Vortrages wie ein heller Glanz umgab, wurde der Irrtum entlarvt. Vor soviel Klarheit verblassen solche Schattenbilder, wie sie die Angst der Moderne entwirft mit ihrer Sucht, das Schlichte zu dämonidienen. Die sittlichen Werte ändern sich nicht und gehen auch nicht zugrunde; sie bestehen fort in zeitloser Gültigkeit. Was sich ändert, ist vielmehr unser menschliches Wertbewußtsein: es verzeichnet nicht zu allen Zeiten dieselben sittlichen Forderungen bei sich mit derselben Deutlichkeit. Sie sind sozusagen nicht alle gleichzeitig aktuell. In seiner geschichtlichen Situation folgt der Mensch jeweils nur einer bestimmten Auswahl aus diesem ewigen Vorrat und formt daraus seine Lebensnormen. Der Rest bleibt im Schatten, bis eine spätere Konstellation das Licht wiederum neu verteilt. So ist der Mensch wertsichtig und wertblind in einem. Die vielberufene Relativität im ethischen Bereich ist also keine Relativität der sittlichen Werte selbst, sondern eine solche unseres historisch und altersmäßig eingestellten Welterkennens.

Diese sittlichen Forderungen an uns sind unveräußerliche Bestandteile des menschlichen Daseins. Sie existieren wirklich. Unser Gewissen ist gleichkam die Antenne, die sie auffängt; daß wir sie zu empfangen fähig sind, macht uns zu sittlichen Wesen. Als Naturwesen sind wir verkümmert: unsere Instinkte reichen nicht zu, uns durchs Leben zu leiten, wie es beim Tier in wunderbarer Erfüllung geschieht. Aber dies bedeutet nicht Armut, sondern Reichtum; hier und nur hier liegt das Reich unserer Freiheit: die sittlichen Forderungen in unseren Willen aufzunehmen oder von ihnen abzuweichen, wozu wir jederzeit die Möglichkeit haben. So lebt der Mensch auf der Schneide der Freiheit: gefährdet zumeist durch sein freies Wesen, zum Handeln gezwungen durch die Situation, in die er geschichtlich gestellt ist. Aber nicht daß wir handeln, sondern wie wir handeln, macht unsere Freiheit aus. Darum ist es so wichtig, die Sittlichkeit als eine autonome Macht zu erkennen und anzuerkennen, sie nicht relativistisch zu einer subjektiven Individualethik zu entwerten, sondern sich ihren Forderungen als den Geboten einer absoluten Autorität, jederzeit offenzuhalten und sie „gewissen-haft“ zu vollziehen. L.