Von Harry Laeuen

Wir haben die Zeit der Naturanbetung als eine Fluchterscheinung des Zivilisationsmenschen überwunden. Allerdings, es war nicht nur poetische Zartheit, die zu der schwächlichen Rückkehrparole zur Natur Anlaß gab; es war auch Stärke des Gefühls. Und schließlich gibt es Zusammenhänge: Dem Bild der menschlichen Harmonie und Aufopferung stehen in der Natur Begierde und Trägheit gegenüber. „Es wäre ein schöner Stoff zu einem Gedicht, dieser gewaltige Kampf“, meint Novalis.

Dieses Gedicht, von dem Novalis sprach, könnte heute, ein Jahrhundert später, nur einen dramatischen Abschluß haben. Denn die dumpfen Naturgewalten haben sich des menschlichen Geistes bemächtigt und sich in einer Weise zerstörend geäußert, die der Untergangsprophetie recht zu geben scheint.

Durch wissenschaftliche Erkenntnis war die Idee einer zentralen Stellung des Menschen im Kosmos längst unhaltbar geworden. Ein Sturz erfolgte. Aber dieser Sturz ist, wenn man metaphysisch mit Nikolai Berdiajeff eine Tragödie kosmischer Art annimmt, schon vor der Erscheinung des Menschen auf Erden eingetreten. „Der vorweltliche Fall des Menschen war seine Verdrängung als hierarchisches Zentrum. In der natürlichen Welt, in der metaphysischen Gestaltung unseres Planetensystems fand das seinen Widerhall darin, daß die Sonne von innen nach außen verdrängt wurde. Der Mensch fiel, und die Sonne ging von ihm. Die Erde mit den auf ihr lebenden Menschen fing an, sich um die Sonne zu drehen, während die ganze Welt sich um den Menschen und seine Erde hätte drehen und durch den Menschen den in ihm wohnenden Logos das Licht hätte erhalten sollen.“ Und weiter: „Daß die Sonne dem Menschen von außen leuchtet, ist eine ewige Erinnerung daran, daß die Menschen, wie auch alle Dinge der Welt an sich, im ewigen Dunkel sind und die innere Ausstrahlung des Lichtes eingebüßt haben.“

Solche kosmischen Phantasien aus dem Glauben an die Erhabenheit menschlicher Berufung vergeistigen in ihrem Schmerzgefühl die Natur, während wir sonst das entgegengesetzte Verfahren gewohnt sind, nämlich das Eindringen der Dinge in den Menschen, das Sichergreifenlassen von der äußeren Welt und das Suchen eines Sinnes in den mechanischen Gesetzmäßigkeiten. Ein Bemühen, das doch vergeblich bleiben muß. Denn in der unendlichen Weite unzähliger Welten ist der Mensch – so gesehen – ein Atom, ein Nichts. Er hat einmal die Natur – so deutet es Berdiajeff durch seinen Sturz entstellt und ist nun gezwungen, das Schicksal ihrer leblos versteinerten Teile zu teilen. Doch legt ihm diese Note zugleich die rettende Aufgabe auf: „Nur der Mensch kann die Natur entzaubern und beleben, wie er sie gefesselt und ertötet hat. Das Schicksal des Menschen hängt vom Schicksal der Natur, vom Schicksal des Kosmos ab, und er kann sich von ihm nicht trennen. Der Mensch muß dem Stein dessen Seele zurückgeben, das lebendige Wesen des Steines enthüllen, um sich von der steinernen, drückenden Gewalt zu befreien.“

Wie aber soll dieser Forderung anders Genüge getan werden können als dadurch, daß der Schnitt zwischen Außen- und Innenwelt auf einer nichtnaturalistischen Ebene vollzogen wird? Für den naturhaften, primitiven Menschen verschwimmen die Linien zwischen Tag und Traum. Seine undifferenzierte Erfahrungswelt steht jenseits des Gegensatzes von subjektiv und objektiv. Er überträgt eine beseelende und verwandelnde Kraft auf die Dinge, wie dies bei uns nur dem spielenden Kinde eigen ist. Sein intensives Ausstrahlungs- und Empfangsvermögen macht die Konstruktion eines objektiven Weltgeistes außerhalb seiner Person unmöglich. Das gleiche von innen bestimmte Verhältnis zur Außenwelt lebt auch in der Antike, die von dem Kosmos in der eigenen Brust weiß. Und es ist der in der griechischen Naturanschauung wurzelnde Dante, der die Liebe als die Kraft bezeichnet, von der die Sonne und die andern Sterne bewegt werden. In seinen Visionen erscheint auch das Licht als die Quelle des Lebens. Wie nahe steht ihm Johannes Kepler, der eine Verbindung zwischen dem „Seelenstrahl“ und dem „Sternstrahl“ herstellt und von der „Seelenhaftigkeit“ der Erde spricht!

Der Kosmos also ist der Schauplatz der Urreligion. Die Strahlen des Urlichtes teilen dem niederen Körper erst Leben mit. In diesem Zusammenhang erklären sich auch die Folgerungen Johann Jakob Bachofens, dem wir die Darlegung der kosmischen Anschauung von dem Verhältnis der Geschlechter verdanken. An die Erscheinung der Sonne knüpft sich die Idee vom Geist und geistigen Leben wie an den Mond jene von stofflicher Zeugung und leiblichem Gedeihen. Das männlich-solare Prinzip bedeutet Kraft, das weiblich-tellurische Prinzip Materie. Für die heutige Naturwissenschaft sind damit keine ausschließlichen Gegensätzlichkeiten bezeichnet. Sie kennt die Möglichkeit der Verwandlung von Materie in Kraft und umgekehrt. Ihre „strahlende Energie“ als Gegenstand physikalischer Untersuchungen hat mit der sinnlichen Lichtempfindlichkeit dabei kaum mehr etwas gemein. Doch bleibt die noch nicht erschöpfte Frage nach der Natur des Lichtes für sie die Kernfrage, nachdem die Lichtkonstante der absolute Bezugspunkt ihres. Systems geworden ist. In ihrer Suche nach der letzten Einheit gelangt die Wissenschaft zu sich steigernden abstrakten Vorstellungen. Man kann auch sagen, sie gelangt zu einer höheren Ebene der Betrachtung, auf der noch der Mythus der Urreligion und eine Dichtung, die sogar für die Bewegung der Gestirne das Wort „Liebe“ zur Verfügung hat, ihr Recht behalten.