Die Wirtschaftsvertreter der Saar haben eine enge wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Frankreich und dem Saargebiet, gefordert. Mehr noch: in ihrem Telegramm an die „Großen Vier“ haben, sie darum gebeten, daß „der große Irrtum von 1935 wiedergutgemacht wird und daß die französische und saarländische Wirtschaft, daß sich vollständig ergänzen, von neuem und endgültig vereinigt werden“. Organisieren wir den Eintritt der autonomen Saar in die französische Union Mit dieser Aufforderung schließt G. André-Fribourg seinen Überblick über die Saar und Frankreich in dem Heft „Le fait du jour“.

Diese Äußerung des französischen Wirtschaftssachverständigen über die Saar ist keineswegs vereinzelt. Der französische Gouverneur des Saarlandes, Oberst Grandval, hat in einem Aufruf auch das innige Wirtschaftsverhältnis beider Länder gefordert. Ebenso liegen zahlreiche Stimmen von saarländischen Wirtschaftlern vor, die den Währungs- und Wirtschaftsanschluß des Saarlandes an Frankreich fordern.

Trotz englischer und amerikanischer Zustimmung zögert nicht nur der französische Staat; auch die Saarländer selbst haben Bedenken. Sie haben die französische Wirtschaft von 1919 bis 1935 im Saargebiet kennengelernt; sie haben erlebt, wie damals die Einrichtungen der Gruben nicht erneuert wurden und veralteten, wie nach Jahren der Hochkonjunktur eine Baisse kam, so daß Feierschichten eingelegt werden mußten und die Löhne immer tiefer sanken. Sie erinnern sich auch noch daran, daß die Hochkonjunktur des Saargebietes nach 1920 nur deshalb anhielt, weil Deutschland fünf Jahre die Erzeugnisse des Saarlandes zollfrei einführen. mußte, und sie denken vielleicht auch noch daran, daß Deutschland danach in einem Saar-Zollabkommen der Ein- und Ausfuhr des Landes zollfreie Kontingente gewährte. Im Höchstjahr 1927 wurden vom Saargebiet für 200 Millionen Mark Ware nach Deutschland ausgeführt und für 80 Millionen Mark eingeführt In späteren Jahren haben sich Ein- und Ausfuhr nahezu ausgeglichen; aber selbst im Jahre 1931 erreichte das Saargebiet noch eine Aktivbilanz von 26 Millionen Reichsmark, während der Wirtschaftsverkehr mit Frankreich immer ein Aktivsaldo zugunsten Frankreichs brachte, zum Teil von 400 Millionen Francs oder 20 v. H. – Deutschland hat von 1924 bis 1934 den Aktivsaldo seines Warenaustausches mit dem Saargebiet mit etwa 550 Millionen Reichsmark bezahlt, während Frankreich umgekehrt in derselben Zeit gewaltige Summen aus seinen Lieferungen an die Saar gezogen hat.

Die Saarländer haben wohl auch Ende Oktober die Rundfunkrede des französischen Ministerpräsidenten Bidault gehört, in der er unter anderem ausführte, Frankreich verfügte über genügend Nahrungsmittel, um jedem gerecht zu werden. Sie wissen auch von ihren Freunden und Verwandten im benachbarten Lothringen, daß dieses landwirtschaftliche Gebiet, das seit je das industrielle Saarland mit Lebensmitteln versorgt hat, heute nicht weiß, wohin mit seinem Überschuß an Butter und Eiern, weil es in das Saargebiet nicht liefern darf, obwohl hier zahlreiche französische Soldaten und Offiziere sowie Beamte der Militärregierung mit ihren Angehörigen aus den Beständen des Saarlandes leben. Sie wissen aber auch, daß 97 v. H. ihrer knappen Rationen aus Süddeutschland kommen. Sie erleben endlich auch in diesem zweiten Nachkriegswinter, daß in dem reichen Kohlenland ihre Stuben kalt und ihre Küchen ungeheizt sind, obwohl die Förderungsziffer der Saarkohle gestiegen ist. Dieser Anschauungsunterricht vom „guten Willen“ der Franzosen ist den Saarländern verdächtig.

Zweifellos kann das Saargebiet mit 420 Menschen auf einem Quadratkilometer, das dichtest besiedelte Land Europas, von seiner spärlichen Landwirtschaft, die nur etwa ein Zehntel seiner Einwohner hauptberuflich beschäftigt, nicht leben. Die eine Million Menschen des Saarlandes brauchen ebenso dringend Nahrungsmittelzufuhr von außerhalb, weil sie sich höchstens drei Monate im Jahr aus eigenen Beständen ernähren können, wie die Saarindustrie der Eisenerze bedarf. Beides bietet ihm das benachbarte Lothringen.

Nicht minder wichtig jedoch für die maschinelle Ausrüstung der saarländischen Gruben und der großen Schwerindustrie des Landes, für die Ersatzteile der Maschinen sowie endlich für den Absatz der industriellen Erzeugnisse der Saar ist Deutschland. Die Ausfuhrstatistik geradeder lager hohen bis 1934, während das Saarland zollpolitisch zu Frankreich gehörte, zeigt diese Abhängigkeit sehr stark. Frankreich war schon nach dem ersten Weltkrieg in Eisen und Stahl Ausfuhrland, so daß die deutsch-französische Verständigung in den zwanziger Jahren nicht zuletzt durch die rivalisierenden Interessen der Schwerindustrien beider Länder litt. Frankreich konnte ohne Gefahr für seine eigene Eisenindustrie auch während des Versailler Statuts die schwerindustrielle Produktion aus dem Saarland nicht aufnehmen. Nur das Entgegenkommen Deutschlands hat damals eine weitere Arbeitslosigkeit im Saargebiet verhindert. Die saarländischen Handelsbilanzen jenerJahre guter Konjunktur zeigen, daß das Saargebiet industrielles Durchgangs- und Veredelungsland in beiden Richtungen ist, daß es aber schon immer in Lothringen vorwiegend einkaufte und in Süddeutschland vorwiegend verkaufte. Eine solche doppelseitige Abhängigkeit muß auch jetzt die allgemeine Orientierung dieses Industriegebietes beeinflussen. Die Arbeitskraft der Saarbevölkerung bedurfte außer der Kohle, über die sie selbst verfügen konnte, immer der lothringischen Erze und der deutschen Kaufkraft, um produktiv zu sein.

Man hat im Saarland erkannt, daß tiefgreifende Strukturveränderungen der saarländischen Wirtschaft notwendig sind, um aus dieser Zwangslage herauszukommen. Aber ein solcher Neuaufbau einer eisenverarbeitenden Industrie, wie er neuerdings gefordert wird, läßt sich ohne Baumaterialien, Geräte und Werkzeuge sowie ohne Kredite heute auch im Saarland nicht durchführen. Die Baustoffe sind dort so knapp wie überall in Deutschland, und die Kredite, die manche saarländischen Finanzgewaltigen auf dem Wege über Frankreich von Amerika erwarten, sind auch noch Millionen, die in weiter Ferne liegen. Denn die amerikanischen Banken werden sich die Möglichkeiten einer derartigen Umstellung einer neuen eisenverarbeitenden Saarindustrie genau besehen, vor allem die Möglichgeben. des Absatzes, bevor sie Kredite an die Saar geben. Und Frankreich wird lange zögern, bevor es „die Konkurrenz im Saarland unterstützt. Kreditgeschäfte mit Deutschland aber, selbst die kurzfristigsten, haben heute fast ganz aufgehört, weil deutsche Guthaben im Saargebiet über Nacht zu Auslandsguthaben werden und der Beschlagnahmt auf Reparationskonto unterliegen können.