Eben noch mußte von Schleswig-Holstein auf gegen einen britischen Fünfjahresplan opponiert werden, der einen „Abbau der Viehbestände“ vorsah, damit also Veredelungswirtschaft und Ernährung gefährdete. Die Gefahr solcher Planungen ist keineswegs beseitigt – aber die offizielle britische Agrarpolitik in Deutschland scheint neuerdings von andern Zielsetzungen auszugehen. Man sagt dort jetzt, daß die „Entwaffnung“ der deutschen Landwirtschaft ebenso wichtig sei wie die Entwaffnung der deutschen Industrie. Man geht davon aus, daß eine Agrarwirtschaft, die vorwiegend auf der Erzeugung von Brotgetreide und Kartoffeln beruhte, Deutschland einen Grad von Autarkie ermöglicht habe, der Kriegsplanungen – bei nur geringen Befürchtungen für die Nahrungsmittelversorgung – gestattet habe.

Die offizielle britische Agrarpolitik für Deutschland stellt, auf dieser Erkenntnis fußend, das Ziel auf, eine „Verlagerung der landwirtschaftlichen Erzeugung auf Veredelungsprodukte“ anzustreben. Das würde bedeuten, meint man, daß Deutschland von großen Getreideeinfuhren abhängig und daher leichter zu überwachen sein werde.

Die Motivierung solcher Überlegungen aus der permanenten Kriegspsychose der Siegermächte erscheint uns von unserem Gesichtspunkt aus zwar verständlich, aber in Anbetracht unserer totalen Niederlage nicht durchschlagend. Abgesehen von den Motiven, können wir aber das Ergebnis anerkennen, wenn wir – als Korrelat zur ernährungswirtschaftlichen Verpflichtung in die Weltwirtschaft – eine entsprechende industrielle Kapazität und, handelsmäßig, die Ermöglichung von Exportleistungen zugebilligt erhalten.

Der täglich zunehmende Gesundheitsverfall des deutschen Volkes ist ja außer durch die knappe Nahrungsmenge – gemessen an Kalorien – vor allem durch die Fehlernährung infolge Eiweiß- und Fettmangels bedingt, die durch die Veredelungswirtschaft erzeugt werden, sollen.

Da wir für Deutschland keinerlei Kriegsabsichten oder -möglichkeiten sehen, streben wir aus gutem Gewissen nicht Nabrungsautarkie an, wohl aber eine weitgehende Intensivierung der Landwirtschaft und Mehrerzeugung von Nahrungsmitteln. Hierbei; ist agrartechnisch ein hoher Viehbestand eine Hauptvoraussetzung zur Wiedererreichung von Normalernten und zur Erzeugungssteigerung in Deutschland: bedingt vor allem durch den Naturdüngerbedarf der ausgepowerten Boden. Deshalb können wir nur wünschen, daß aus dieser neuen oder vielmehr jetzt neu ausgesprochenen Überlegung die britische Agrarpolitik für Deutschland alsbald die Folgerungen ziehen möge. Die Dezimierung der Rindviehbestände muß sofort abgestoppt werden. Neben Brotgetreideeinfuhren muß eine Futtermitteleinfuhr vor allem für den Aufbau größerer Schweinebestände angestrebt werden. In diesem Sinne haben wir gegen eine „Entwaffnung“ der deutschen Landwirtschaft nichts einzuwenden, wenn darunter gleichzeitig der Aufbau einer deutschen Friedenswirtschaft verständen werden kann: auch auf dem Agrargebiet, und hier im Rahmen internationaler Arbeitsteilung. ap.