Damit hat es seine besondere Bewandtnis: Das Leben überwandert immerfort sein eigenes Ausmaß. Es gibt Menschen, die sich das Leben abgewöhnten – aber der Raum, wo es wohnt und waltet, füllt sich dann mit gestorbenem Leben an, mit Spuk. Was nicht auf die rechte Weise im Bereich des Lebens verwirklicht wird, holt sich seine Verwirklichung auf gespenstische Weise.

Man kann darüber streiten, ob der Geist der Widersacher des Lebens sei oder nicht. Es steht aber fest, daß er zuweilen eine verdammte Neigung hat, das Leben aufzuzehren, statt es zu verwandeln – und da kann es vorkommen, daß einer ein Lesemeister ist von früh bis spät und darüber sowohl das Leben als auch sogar das Lesen verlernt. Sich einmal hinsetzen mit einem Buch wie einst: nur weil Brandung hinter Tahiti rauscht und man sie hören will – das mißlingt dann. Arme Menschen!

Ich kenne einen – aus dem Spiegel-, der konnte Lesemeister sein und hatte das Lesenkönnen in den Geist verloren. Es sei denn, er las Hans Leip. Wer mit dem Wort umzugehen weiß – im Abgrund des Lebens: billiger kann man es nicht erwerben –, der treibt Magie. „Leiblichkeit ist das Ende der Wege Gottes“, sagt Friedrich Christoph Oetinger. Und so stand dennder aus dem Spiegel eines Tages neben Hans Leip an der Elbe, im Abendviolett, hinter sich das abgewöhnte Leben und vor sich die Frage: „Ist das Wirklichkeit?“ Denn das Leben war grenzenlos wie in den Büchern und überwanderte sein eigenes Ausmaß. Und der Kater Sott war dabei und Rasmus wehte, unser Wind, und Hans Leip sah aus wie ein Matrose, von Tilman Riemenschneider geschnitzt, und hatte das „Herz im Wind“ geschrieben und die„Lili-Marleen“, die nicht Volks-, sondern Völkerlied geworden war, und die Kadenzen vom Paradiesverlust und das „Lied im Schutt“...

Wie weit reicht das Leben? Kann das Schiff in der Flasche zu den Sternen-segeln und ist der einäugige schwarze Kater Sott mit der löwenhäuptigen Göttin Sachmeth verwandt? Kann die Hand, die die Erzählung vom Leuchtturm, welcher frisch gestrichen wird, niederschrieb, wirklich das Leben meinen, wenn sie zum Schluß des Liedes vom Schutt die Verse übers Papier zauberte:

Welchen Ruhm und Preis

forderst du, unerforschliches Walten?

Wie weit