Die Verwirrung in der Welt ist groß. Das Streben nach Sicherheit, das die geängstigten Menschen erfüllt, beschwört zugleich Argwohn und Mißtrauen, die als stille Teilhaber bei allen Gesprächen und Konferenzen zugegen sind. Die Staaten, die über die Kodifizierung eines Strafrechts gegen den Angriffskrieg beraten, führen gleichzeitig die allgemeine Wehrpflicht ein, und die Mächte, die den zweiten Weltkrieg führten, um damit endgültig für alle Zeiten den Krieg als Mittel der zwischenstaatlichen Auseinandersetzungen auszuschalten, sprechen bereits wieder von der Gefahr eines dritten Weltkrieges.

Während die Welt in dieser Weise weiter von dem Gespenst des Krieges beherrscht wird, hat das japanische Volk in einer selbst entworfenen, von Parlament und Kaiser bestätigten und durch den Militärgouverneur gebilligten Verfassung auf das Recht, Krieg zu führen, ausdrücklich verzichtet. Dieser Passus ist tatsächlich ein Novum in der staatsrechtlichen Geschichte aller Zeiten und Völker. Der Artikel 9 der Verfassung, die Kaiser Hirohito am Meijitag verkündete – dem Geburtstag des Kaisers Mutsuhito, der vor achtzig Jahren die Grundlagen des modernen japanischen Staates gelegt hat –, lautet: „Es wird grundsätzlich und für alle Zeiten darauf verzichtet, Krieg zu führen oder Drohungen und Gewalt anzuwenden, um Streitigkeiten mit andern Nationen beizulegen. Die Unterhaltung von Land-, See- und Luftstreitkräften wie auch eines technischen Kriegspotentials wird niemals zugelassen werden.

Es liegt nahe, mit Lätitia Buonaparte zu sagen „pourvou que ça doure“ oder auch festzustellen, daß Japan gar nichts anderes übrigblieb, als aus der Not eine Tugend zu machen, und doch gehen solche Betrachtungen an der Hauptsache vorbei. Das Wesentliche ist eben, daß in einer Welt, in der es widerhallt von Drohungen und Gesprächen über Atombomben und Geheimwaffen, irgendwo an einer Stelle – und sei es auch an der schwächsten – der bewußte Verzicht auf Gewalt und der Mut zur militärischen Wehrlosigkeit aufgebracht wird. Selbst die Schweiz, deren Neutralität vertraglich festgelegt und anerkannt worden ist, verzichtet nicht darauf, eine Armee zur Sicherheit gegen Angriffskriege zu unterhalten.

Japan hat in einem Moment des vollkommenen Zusammenbruchs seiner politischen Existenz und der geistigen Grundlagen seiner Samuraitradition mit Bestürzung den Irrtum seines Ethos gewahrt, das – wie der alte Staatsmann Osaki es formuliert hat – auf Blutvergießen und falschen Prämissen beruhte. Aus diesem Erwachen hat es den Elan gefunden, sein Schicksal auf einer höheren geistigen Ebene selbst zu gestalten. Es hat dies tun können dank der Großzügigkeit der Besatzungsmacht, die dem japanischen Staat seine Kontinuität und ein weitgehendes Recht der Selbstbestimmung gewährte und damit die Kräfte zu einer geistigen Wandlung und Erneuerung freigegeben hat.

So scheint es, daß Japan die ausweglose Situation erspart bleibt, die aus dem Zusammenbruch von gestern und der mangelnden Aussicht auf ein besseres Morgen entsteht. „Wir sind von unbegrenztem Stolz und höchster Verantwortlichkeit erfüllt“, sagte der Ministerpräsident Yoshida, „weil wir durch unseren verfassungsmäßig verankerten Verzicht auf Kriegführung beispielgebend für die Welt geworden sind.“ Dff.