In Griechenland sind seit der Rückkehr König Georgs II. erneut schwere Kämpfe zwischen Partisanen des linksgerichteten Parteienblocks und den regulären griechischen Truppen der Armee und der Gendarmerie entbrannt. Ministerpräsident Tsaldaris erklärte in einer Rede in Saloniki, daß die bewaffneten Banden im Interesse von Mächten, die einen Zugang zur Ägäis gewinnen wollen, von außen her Krieg in Griechenland führten. Der Minister für öffentliche Sicherheit erklärte: „Wir wissen, wo die Banditen ihre Waffen, Munition und Befehle herbekommen, aber es ist schwierig, der Welt Beweise zu liefern.“

Zwischen den Balkanstaaten hat es immer beträchtliche territoriale Schwierigkeiten gegeben. In der Vergingenheit war es vor allem Mazedonien, das sowohl von Jugoslawien wie auch von Bulgarien beansprucht würde. Ein kleiner Teil Mazedoniens gehört zu Griechenland und bildet heute den besonderen Konfliktstoff zwischen Jugoslawien und Griechenland. Vor allem hat Jugoslawien Aspirationen auf Saloniki das der natürliche Hafen für das mazedonische Wardartal ist. Diese Aspirationen kamen ans Tageslicht, als Hitler im März 1941 sich verpflichtete, den Jugoslawen Saloniki als Belohnung für den Eintritt in den Dreimächtepakt zu übergeben. Bulgarien seinerseits verlangte auf dem Pariser Kongreß Zugang zum Ägäischen Meer mit der Begründung, daß es sich dort um rein bulgarische Gebiete handle und daß das Recht Bulgariens auf den Ausgang zur Ägäis auf allen früheren Konferenzen anerkannt worden sei. Demgegenüber lehnt Griechenland nicht nur diese Ansprüche ab, sondern verlangt Korrekturen strategischer Art an der griechisch-bulgarischen Grenze. Daneben bestehen noch griechisch-albanische Grenzstreitigkeiten um den Nordepirus.

Es ist – bezeichnend, daß zwischen denjenigen Balkanländern, die von der Sowjetunion besetzt sind Oderunter ihrem Einfluß stehen, mit einem Mal die Meinungsverschiedenheiten über Grenzfragen verschwunden sind. Jugoslawien hat sogar auf jeden Wiedergutmachungsanspruch an Bulgarien verzichtet. Das beruht nicht nur auf der Disziplin, die bei der neuen „Demokratie östlicher Prägung“ ein wichtiger Faktor ist.

Im Frühling 1944 meldeten die Korrespondenten der „Daily Mail“ und „Daily Herald“ aus Kairo, es sei zwischen Vertretern der jugoslawischen, bulgarischen und griechischen Kommunisten ein Vertrag unterzeichnet worden, worin vereinbart wurde, nach Beendigung des Krieges auf dem Balkan eine Föderation von Volksrepubliken zu errichten. Später hat man über diesen Vertrag nichts mehr gehört, und es ist schwer zu entscheiden, ob er existiert oder nicht. Tatsache ist aber, daß der Gedanke einer solchen Föderation auf dem Balkan gegen Ende des Krieges itarken Auftrieb erhielt. Vor allem verstanden es die Kommunisten, sich die alten Wunschträume der Balkansozialisten zunutze zu machen, die schon zu Beginn des Jahrhunderts in ihre Parteiprogramme den Gedanken einer föderativen Balkanlösung aufgenommen hatten.

Diesen Gedanken hatten sich nach dem ersten Weltkrieg aus ganz andern Erwägungen weite Kreise in Bulgarien und Jugoslawien zu eigen gemacht. In Jugoslawien bestand zur Zeit Alexanders eine. Gruppe von serbischen Politikern, die eine Föderation mit Bulgarien, also ein Großjugoslawien propagierten, wobei sie darauf hofften, eine serbische Domination in dem vergrößerten Staatsverbande sichern und gleichzeitig die mazedonischs Frage für die Dauer zugunsten Serbiens lösen zu können. Kroatische Kreise, namentlich aus der früheren kroatischen Bauernpartei, setzten sich für das gleiche Ziel ein, jedoch hofften sie das Gegenteil nämlich im vergrößerten Südslawien mit Hilfe der Bulgaren das Übergewicht der Serben zu beseitigen und somit die serbische Vorherrschaft auf innerpolitischen Wegen zu brechen. Auch bulgarische Politiker glaubten, daß ein Zusammenschluß schon aus rein wirtschaftlichen Gründen von Nutzen sein werde, und auch sie hofften, die mazedonische Frage, die damals einseitig zu serbischen Gunsten geregelt war, im Rahmen einer Föderation einer besseren Lösung, zuführen zu können. Selbst ein Flügel der Mazedonier in Bulgarien war der Auffassung, daß Mazedonien nicht selbständig, sondern autonomes Mitglied einer föderativen Staatenvereinigung sein müsse, was zu der jahrelangen blutigen Auseinandersetzung der Mazedonier . untereinander in Sofia beitrug. Es dürfte kein Zufall sein, daß ein Mazedonier, der diesem Flügel. angehörte, gegenwärtig Außenminister in der bulgarischen Regierung ist.

Die gegenwärtige Aktivität der griechischen Kommunisten scheint nicht ohne Zusammenhang mit dieser Frage zu sein. Ob allerdings die übrigen Linksparteien in Griechenland über den gemeinsamen Kampf hinaus noch weiter mit den Kommunisten zusammenzugehen beabsichtigen, ist zweifelhaft.

Viele frühere Anhänger der Idee einer Balkanföderation sind heute ihre Gegner geworden. In den Kreisen glaubt man, daß man bei der jetzigen politischen Konstellation der Balkanstaaten, das heißt also, solange derartige Föderationspläne nicht verwirklicht sind, leichter zu den Freiheiten des Individuums zurückkehren könnte. Und man fürchtet, daß die Verwirklichung des Föderationsgedankens bei der gegenwärtigen Verteilung der Kräfte nur zur weiteren Stabilisierung der Regime der „östlichen Demokratie“ führen müßte.

Die Lösung der Probleme wird durch die Anwesenheit von Truppen der Großmächte auf dem Balkan kompliziert. Die für 90 Tage nach Abschluß – der Friedensverträge geplante Räumung Bulgariens durch die Besatzungstruppen der Sowjetarmee, die auf 650 000 bis 750 000 Mann geschätzt werden, sowie der Abzug der kleineren britischen Kontingente aus Griechenland und der russischen Kontingente aus Jugoslawien wird auf alle Fälle einen bedeutenden Beitrag zum Weltfrieden darstellen. Denn es ist nicht anzunehmen, daß den verarmten und ausgebluteten Völkern Südosteuropas irgendein Grund wichtig genug sein könnte, den Frieden zu gefährden, wenn sie nicht von außen dazu verleitet werden. Zweifellos werden in diesem Teil Europas noch schwere innerpolitische Auseinandersetzungen durchgefochten werden. Das braucht aber noch nicht zu bedeuten, daß der Balkan ein Pulverfaß für die internationalen Beziehungen sein muß. A. B.