Zum festen Inhalt aller Bankettreden, die sich mit Schweden beschäftigten, gehörte die Feststellung, daß dieses Land eine Brücke zwischen Ost und West darstelle. Von der Mitte der dreißiger Jahre an führten die Mißerfolge der Abrüstungsbestrebungen und die Versuche, die Sanktionspolitik in der Praxis anzuwenden, zu einer Bilanzierung vom Völkerbund und zu einem Zusammengehen mit Norwegen und Finnland. Ihren Höhepunkt erreichte diese Verbindung in der Deklaration von Oslo. Dänemark war offiziell in diese Arbeitsgemeinschaft eingegliedert. Die innere Verpflichtung den Westmächten gegenüber nach dem Gewinn von Nordschleswig und sein Vertrauen zum Völkerbund aber ließen es eine Sonderrolle spielen.

Im Kriege führte Schweden eine peinliche Neutralität durch. Allerdings hatte die Neutralität unter dem Druck der jeweiligen Ereignisse immer einige Fehler, die ihren Wert herabsetzten, das Durchfahrtsrecht für die Deutschen, die abenteuerliche Versendung von Kugellagern mit Schnellbooten und Flugzeugen nach Schottland und zuletzt die in der schwedischen Öffentlichkeit noch immer umstrittene Auslieferung internierter Balten und Deutscher an die Russen. Schweden ist. heute ein Märchenland. Die Frauen sind nicht nur wie Feen anzuschauen, sondern auch so angezogen; die Läden sind voller Dinge, von denen selbst die Sieger nicht einmal zu träumen wagen. Schweden hat sich selbst eine Demokratie entwickelt. In der letzten Zeit führte die Nationalisierung allerdings zu scharfen Kontroversen, ja zu einer Art „Widerstandsbewegung der Mittel- und Rechtsparteien. Den „Rysskräck“, die Furcht vor dem mächtigen Nachbar ausnutzend, hat man der Sozialdemokratie schon die Übernahme östlicher Wirtschaftsleben vorgeworfen, obwohl diese in scharfem Gegensatz zu der Kommunistischen Partei steht. Der Kampf gegen diese ist allerdings mit Rücksicht auf die schwebenden Anleiheverhandlungen sehr höflich geführt worden, und diese Rücksicht hat sicher den Mißerfolg der Sozialdemokratie bei den Wahlen mitverschuldet.

Mit dem Zusammenbruch Deutschlands entstand in Schweden das Problem, einen neuen Markt für die früheren Exporte nach Deutschland zu finden. Deutschland hatte vor dem Kriege 20 v. H. der schwedischen Exporte aufgenommen und scheint, nach den Potsdamer Beschlüssen, auf lange Zeit für Exporte und Importe auszufallen. Die Westmächte waren nur an Teilen des schwedischen Exports interessiert, in Kompensationsimporten säumig und in der Frage der Rohstofflieferungen unzugänglich. An unverwendbaren Devisen besitzt Schweden durch die Einnahmen aus der für die Alliierten fahrenden Schiffahrt große Guthaben; seit dem Kriegsende hat England sechsmal soviel von Schweden gekauft als Schweden von England kaufen konnte, und am Ende dieses Jahres liegen weitere 40 Millionen Pfund als Guthaben fest. Gegen Ende des Krieges begann eine Neuorientierung der schwedischen Politik gegenüber dem Osten. Trotz aller Bedenken gegen den mächtigen Nachbarstaat sah man in Schweden mit der dort eigenen Nüchternheit in Rußland einen geeigneten Ersatz für den verlorenen Markt Deutschland. Man rechnete uneingestanden auch damit, daß Rußland einem so wichtigen Lieferanten gegenüber Rücksicht walten lassen würde. Schon im Jahre 1944 machte Schweden ein Anleiheangebot an Rußland in Höhe von einer Milliarde Kronen.. Es ist eine Ironie, wenn heute die Liberalen die glücklich unter Dach gebrachte Anleihe kritisieren, weil sie von den Sozialdemokraten gewährt wurde, während doch das erste Angebot von 1944 von dem damaligen Handelsminister kam, der heute der Parteivorsitzende der Liberalen ist. Da der Pacht- und Leihvertrag in Kraft war, ignorierte Rußland das damalige Angebot und begann im Gegenteil eine Pressekampagne gegen die schwedische. Auffassung von Neutralität. Schweden bemühte sich dann, über die Reparationen Finnlands mit Rußland in Verbindung zu treten. Man hat berechnet, daß durch Kredite und Lieferungen über 20 v. H. der finnischen Reparationen von Schweden erfolgten.

Zu Anfang dieses Jahres hörten die Angriffe gegen die schwedische Neutralität so plötzlich auf wie sie angefangen hatten, und nach einer Pause hörte man von der Bereitwilligkeit Rußlands, Vorschläge über eine schwedische Anleihe anzunehmen. Mittlerweile war das Pacht- und Leihabkommen abgelaufen und eine USA-Anleihe an Rußland nicht zu erwarten. Auf der andern Seite waren die Kohlenlieferungen an Schweden immer spärlicher geworden, und die Produktion begann abzusinken. In friedlichen Zeiten hatte Schweden einen Monatsimport von 800 000 Tonnen, während des Krieges konnte es wenigstens die Hälfte dieser Menge von Deutschland hereinbekommen, aber im ganzen ersten Jahr des Friedens wurden es nur 440 000 Tonnen. Damit schien die schwedische Wirtschaft sich einer Krise zu nähern, eine der Hauptexportindustrien, die von Holz und Papier, begann mit Einschränkungen. Nach dem völligen Ausfall des bisherigen Hauptlieferanten England kamen nur noch geringe Mengen nach Schweden. Schweden stellte fest, daß die Lieferungen, nach Rußland den Umfang des früheren Exports nach Deutschland haben könnten, und Rußland deutete an, daß es auf seine Anteile an der oberschlesischen Kohlenförderung verzichten würde, wenn Schweden die Waren liefern und kreditieren würde, die sonst in andern Ländern für Rußland hergestellt werden müßten. Anfang Juli begannen die Verhandlungen, die am 8. Oktober zu der Unterzeichnung eines Abkommens über eine Milliarde Kronen führten.

Das neue Abkommen sieht die Lieferung von Gütern für den „Wiederaufbau und die Entwicklung der russischen Wirtschaft“ vor, in erster Linie von elektrischen Geräten und Zubehör, von Maschinen für den Bergbau und die Holzindustrie, von Baumaschinen und Schiffen. Bemerkenswert ist, daß derartige Mengen an Elektromaterial gefordert wurden, daß die Schweden Streichungen von 60 v. H. vornehmen mußten. Das Abkommen ist in Schweden starker Kritik der parlamentarischen Opposition ausgesetzt. Der Umfang der Lieferungen zwinge zur Aufgabe des Südamerikamarktes und zu Neubauten und Investitionen, die sich weder verzinsen noch bezahlt machen würden. In der Fachpresse wird behauptet, daß nun der größteTeil der schwedischen Industrie ausschließlich für den russischen Fünfjahrplan arbeiten werde und die Frage des Facharbeiter-Bedarfes zur Hereinnahme ausländischer Techniker – auf Deutschland wurde besonders hingewiesen – zwingen werde. Unterstützt wurde diese Kritik durch die Mißbilligung des Abkommens durch die USA und England wegen seiner Bilateralität. Die Presse beider Kontrahenten bemühte sich indessen, auf die Präzedenzfälle in den Glashäusern der andern Seite, besonders bei den Bulkkäufen in kubanischem Zucker, argentinischem Fleisch und kanadischem Weizen, hinzuweisen.

Als äußeres Zeichen wenigstens der Planung eines Warenaustausches wurden Listen ausgetauscht, die für einen wechselseitigen Austausch von Waren im Werte von 100 Millionen Kronen jährlich vorbereitet wurden. Die schwedische Liste enthält Stahlerzeugnisse. Erze, Kugellager und optische Geräte. Die Russen haben Chrom, Nickel, Manganerz, Baumwolle und sogar Düngemittel aufgeführt

Zweifellos hat Schweden mit diesem Abkommen einiges gewonnen. Es hat Rußland an dem Ablauf. seiner Wirtschaft für die nächsten Jahre interessiert, durch die Kohlenlieferungen wird es seine Produktion halten können. Allerdings hat der Vertrag den Schweden auch offen gezeigt, daß sie heute ihre Entscheidungen nicht mehr frei treffen können. Heute steht Schweden in einem neutralen Block im Norden, der trotz aller Mitarbeit in der UNO den Respekt vor dem Osten pflegen muß. Dieser, neue Skandinavismus ist noch kein fester Begriff. Norwegen und Schweden sind, nicht nur durch eine gemeinsame Grenze mit Rußland oder seiner Sphäre, sondern auch durch traditionelle Beziehungen mit der russischen Arbeiterbewegung schon seit der Zarenzeit verbunden. Die kommunistischen Parteien haben in der Widerstandsbewegung und der Neutralitätspolitik eine anerkannte Rolle gespielt. Trotz aller Verehrung Churchills wurde daher seine Fulton-Rede knapp kommentiert und sein Norwegen-Besuch schleunigst auf unbestimmte Zeit vertagt. Die allgemeine Ansicht ist, daß sich der neue skandinavische Block der Zukunft, Schweden und Norwegen, wenn es geht auch Finnland, weder für den Osten noch für den Westen entscheiden dürfe, sondern eine Gruppe zwischen und gegenüber den Großmächten zu bilden habe.