Die verschiedenen arabischen Nationalstaaten, die, flankiert von der Türkei im Nordosten und Ägypten im Südwesten, den politischen Charakter des Vorderen Orients bestimmen, sind nach dem Ersten Weltkrieg auf den Trümmern des Osmanischen Reiches entstanden. Der Widerstreit dieser neuen Staaten untereinander sowie ihre gemeinsame Front gegen den Zionismus und die Mandatare waren für lange Zeit die treibenden Kräfte der politischen Evolution im Nahen Osten. Heute ist dieses gewohnte Bild unserer Vorstellung zu einer Fassade geworden, hinter der sich tiefgreifende strukturelle Änderungen sozialer Art vollziehen, die der äußeren Ordnung, wie sie in den zwanziger Jahren aufgebaut wurde, allmählich ein Ende setzen werden.

Daß die soziale Frage sich nun auch in der arabischen Welt unaufhaltsam in den Vordergrund schiebt, ist zweifellos eine der Folgen des Zweiten Weltkrieges. Der Nahe Osten, hat während des Krieges eine große wirtschaftliche Hochkonjunktur erlebt, weil die Alliierten in diesem wichtigen Etappengebiet die gesamten verfügbaren Arbeitskräfte und Produktionsmöglichkeiten ohne Rücksicht auf Kosten und Tarife für Kriegszwecke eingesetzt haben. So hat sich die arbeitende Bevölkerung daran gewöhnt, daß Beschäftigung zu hohen Löhnen leicht zu finden ist, und quittiert darum die heute im Zuge der Umstellung auf die Friedenswirtschaft notwendigen Massenentlassungen mit Unruhen; denn eine Entlassung, bedeutet nicht nur Lohnausfall, sondern Rückkehr zu dem früheren höchst primitiven Lebensstandard. In Ägypten, allein sind 300 000 Arbeiter entlassen worden, und auch in Palästina würde ernste Arbeitslosigkeit herrschen, wenn nicht der Ausbau der britischen Stützpunkte viele freie Arbeitskräfte absorbierte. So nimmt es nicht wunder, daß diese neue Problematik in den letzten Monaten zu einer ganzen Welle von Streiks in allen Ländern des Vorderen Orients bis in den Irak und nach Persien hinein geführt hat, die nur zum Teil politischer Natur waren, im allgemeinen aber ausgesprochen sozialpolitischen Charakter trugen.

Dieser neue Sozialismus arabischer Prägung befindet sich noch in seinem Jugendstadium; eines kann man dabei aber schon heute mit Sicherheit feststellen, daß er keineswegs international eingestellt ist. Im Gegenteil, in den meisten arabischen Staaten ist die sich bildende Linke ausgesprochen, nationalistisch, in fast noch stärkerem. Maße als die feudalistische Führerschicht, die durch ihre westliche Erziehung und die Verflochtenheit mit der angelsächsischen Welt an der Äußerung und Vertretung eines echten und unabhängigen arabischen Nationalgefühls gehindert wird Neben dieser nationalistischen Tendenz des arabischen Sozialismus ist weiterhin bemerkenswert, daß er bisher keine ausgesprochen kommunistischen Züge aufweist Zwar zeigen die Streiks und die Einstellung seiner Presse, daß er im Klassenkampf gegen seine eigene Oberschicht steht, doch bezeichnet diese ihre Gegenmaßnahmen oft zu Unrecht als antibolschewistisch; in Wahrheit dürfte es sich dabei meist um die Verteidigung des alten feudalistischen Systems gegen den Ansturm der jungen sozialistischen Elemente handeln. Auf diese Weise befindet sich die arabische Oberschicht als Repräsentant der heute noch bestehenden vorderasiatischen Ordnung in der interessanten, wenn auch unbequemen, ja gefährlichen Situationen, daß sie im Außenverhältnis auf Gedeih und Verderb mit England und seiner sozialistischen Regierung verbunden, nach innen antisozialistisch regieren muß, um sich zu halten. Hält sie es in Zukunft weiterhin mit England, wird sie vom Sozialismus im eigenen Land als unnational bekämpft; gibt sie aber die Anlehnung an die Westmächte auf, würde sie sofort vom gleichen Sozialismus als unsozialistisch gestürzt werden. So gerät die alte Ordnung des Nahen Ostens allmählich in den Bereich neuer und starker Kraftfelder, deren Einflüsse in den verschiedenen Ländern bereits zu weitgehend neuen innerpolitischen Konstellationen geführt haben.

In Ägypten z. B. streikten in diesem Sommer abwechselnd die verschiedensten Gruppen von Arbeitern und Angestellten für bessere Arbeitsbedingungen, unterstützt von den hunderttausenden aus der Kriegsindustrie entlassenen Arbeitern. Bezeichnenderweise hat die ägyptische Linke keine eigene Maße gegründet, sondern geht in so. starkem Maße in den nationalistischen Wafd daß dessen Führer Nahas Pascha mehr und mehr unter sozialistischen Einfluß gerät. Dies um so mehr, als die nach Millionen zählende und auch in Palästina, Syerien und dem Irak bis nach Indien hinein vertretend Ikhwan Muslimin (Moslem Brüderschaft) mit ihrem extrem sozialistischen, auf dem Koran fußenden Programm und ihren nationalistischen Forderungen unter ihrem Führer Hassan el Banna ebenfalls den Wafd unterstützt und von Nahas berücksichtigt werden muß:

In Transjordanien werden heute schon die Vorrechte des von England sichtbar gestützten und sogar zum König erhobenen Emir Abdallah aus den unteren Schichten des eigenen Landes bekämpft, teilweise durch Unterstützung einflußreicher Araberfamilien aus Palästina. In Syrien und dem Libanon haben die ersten Monate der Unabhängigkeit ganz unter dem Eindruck wachsender Klassengegensätze und zäh eingehaltener Streiks gestanden.

Auch in Palästina steht der arabisch-jüdischbritische Konflikt mehr und mehr – wenn auch noch wenig bemerkt – unter Sozialrevolutionären Einflüssen, die ihm auf die Dauer den Boden entziehen könnten. Dieser Eindruck erfährt eine gewisse Bestätigung durch gelegentliche Äußerungen palästinensischer Unternehmer in der englischen Presse, die darauf hinweisen, daß vielfach gar keine wesentlichen Gegensätze zwischen ihren jüdischen und arabischen Arbeitern bestehen. Die sich bildenden Gewerkschaften beider Bevölkerungsgruppen beginnen dies zu realisieren, und eine arabische Zeitung in Jaffa (El. Hurrieh) hat große Erfolge, indem sie die Gemeinsamkeit der sozialen Probleme aller Palästina-Bewohner ständig hervorhebt und die politischen und rassischen Gegensätze bagatellisiert. So könnte es sich beim Fortschreiten der sozialistischen Entwicklung allmählich herausstellen, daß der unauslöschlich erscheinende Palästina-Konflikt gar nicht von der Masse der beteiligten Völker, sondern nur von einer relativ dünnen Schicht von Interessenten getragen wird.

Im Irak dagegen gerät der junge arabische Sozialismus offenbar doch in zunehmendem Maße unter kommunistischen Einfluß. Es erscheinen vier kommunistische Tageszeitungen in arabischer und eine in kurdischer Sprache, und ein bedeutender Teil der Eisenbahner, Lehrer, unteren Beamten und sogar der Offiziere – vor allem der ehemaligen Parteigänger des deutschfreundlichen Raschid Ali und seines Aufstandes von 1941 – gehören kommunistischen Gruppen an. Der langwierige Streik der ganzen Belegschaft der Kirkuk-Petroleum-Gesellschaft hat seine Impulse wohl ebenfalls aus dieser Quelle empfangen.