Mit Energie und Elan kämpft Sir John Boyd Orr für seinen Vorschlag, nach dem Vorbild des biblischen Joseph künftig im Ernährungssektor fette und magere Jahre durch Bildung von Puffervorräten auszugleichen und so Mangelerscheinungen und Überschüsse zu vermeiden, aber dieser „Plan Joseph“ scheitert offensichtlich am Widerstand der Vereinigten Staaten.

Im Sommer dieses Jahres hatte Sir John Boyd Orr seine Ideen auf der Kopenhagener Konferenz der im Herbst 1943 gebildeten Nahrungsmittel- und Landwirtschafts-Organisation (FAO) weitgehend durchsetzen können. Man einigte sich dahin, daß Lebensmittelkontrollämter zum Ausgleich der Marktschwankungen die wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnisse zu festen Preisen kaufen und verkaufen und zu diesem Zweck große Puffervorrate anlegen, also über ständig gefüllte Getreidelager verfügen sollen. Die näheren Einzelheiten waren einem vorbereitenden Ausschuß vorbehalten, der jetzt in Washington tagt und später in London seine Arbeiten fortsetzen soll. Zur großen Überraschung aller Delegierten zogen die Vertreter der Vereinigten Staaten in Washington ihre ursprüngliche Unterstützung dieser Idee eines Welternährungsamtes zurück. Sie führten als entscheidende Gegenargumente an, daß die hiermit verbundenen. Kontrollen die Produktion eher hemmen als fördern und daß eine einheitliche Politik durch ein. Amt nicht möglich sei, weil die Marktlage, für die einzelnen Erzeugnisse zu unterschiedlich wäre.

Diesen: und andern kritischen Einwänden kommt. eine gewisse Berechtigung zu. So ist auch zu fragen, ob eine Überbrückung eine solche Notwendigkeit wie zu Zeiten Josephs ist und wie die Aufstapelung von Lebensmitteln finanziert werden soll und kann. Es ist berechnet worden, daß allein die Magazinierung der notwendigen Mengen an Weizen, Zucker und Ölsaaten 500 Mill. Pfund kosten würde. Aber ohne Zweifel ist die Grundidee richtig, und es könnte trotz gewisser Bedenken eine Lösung gefunden werden, wenn sie vor allem auf eine Erhöhung des Verbrauchs gerichtet ist. Das Problem muß also in einen größeren Rahmen gestellt wenden und wäre zusammen mit den Fragen der Vollbeschäftigung und des Zollabbaus in Angriff zu nehmen. Die Änderung der Haltung der USA bedeutet nun aber wohl einen Schlußstrich unter diese Bemühungen. Es weht eben ein neuer Wind in Washington. Die Richtlinien für die Kopenhagener Konferenz waren der amerikanischen Delegation noch vom früheren Handelsminister Wallace mitgegeben worden, der solchen Ideen sehr positiv

gegenüberstand. Aber nach seinem Rücktritt hat sich das Außenministerium in seiner negativen Haltung durchgesetzt. Diese Haltung entspricht der weiter Kreise der Wirtschaft und der Republikanischen Partei, die heute den Kurs angibt. Diese Kreise sind gegen jede Kontrolle. Sie haben aus gleichen Erwägungen durchgesetzt, daß die Getreidekäufe des Auslands jetzt am freien Markt in den USA erfolgen müssen; was zu einer wesentlichen Verschlechterung der Versorgungslage in Europa führen muß.

Die Vereinigten Staaten selbst halten aber an dem biblischen Vorbild fest. Sie selbst wollen sich gegen vielleicht kommende magere Jahre schützen, indem sie mit erheblichen Vorräten in das neue Erntejahr gehen und nicht mehr von der Hand in den Mund zu leben brauchen. Bei einem Weizenverbrauch von etwa 20 Mill. Tonnen und einer vorgesehenen Ausfuhr von 7 Mill. Tonnen wollen die Vereinigten Staaten aus Angst vor mageren Jahren 6 Mill. Tonnen als Überhang für das kommende Erntejahr bereit halten, obgleich der jetzige Saatenstand eine ausgezeichnete Ernte erwarten läßt. Diese 6 Mill. Tonnen entsprechen immerhin dem Jahresverbrauch Großbritanniens und würden wohl genügen, um das Defizit in den Ländern zu decken, die schon seit langem nur magere Jahre kennen und denen die Versorgungsverhältnisse in den USA als Traum eines fetten Jahres erscheinen.

drgr.