Von Oda Schaefer

Der Zug hielt in Tutzing. Ich schaute aus dem Fenster. Auf dem Bahnsteig lag ein großer, grauer Stein, davor stand eine kleine weiße Tafel mit der Aufschrift: „Zeuge der Eiszeit.“ Es war, stilmäßig gesehen, eine von den unfreundlichen Tafeln, auf denen sonst zu lesen ist: „Weitergehen verboten!“ Aber der Stein sah gemütlich und einladend aus, es saß auch ein Vogel darauf, der bereits in Symbiose mit ihm lebte. Im Nebenabteil spielte ein Kind mit der Mutter das uralte Spiel: „Ich weiß das, was du nicht weißt ...“ Bei uns hieß es einstmals: „Ich sehe das, was du nicht siehst...“

Steine werden beträchtlich älter als Menschen und sind sehr ruhig. Aber sie haben keine Augen. Leben braucht man ihnen deshalb nicht abzusprechen, wenn es auch nur ein sehr langsames ist, das wir zu unseren Lebzeiten nicht verfolgen können. Hätte der Stein Augen gehabt und viel leicht noch einen Mund zum Reden, dann wäre aus diesem Munde eine von abgründigem Humor getragene Predigt gekommen, ähnlich denen des Abraham a Santa Clara, der das gottlose Wien zur Zeit der Türkenkriege von der Kanzel herab in Reimen und lustigen Metaphern andonnerte. Denn seit 17 000 Jahren liegt der graue Stein hier im bayrischen Alpenvorland und hat Gelegenheit genug gehabt, die Menschen und ihre Ameisenallüren zu beobachten. Damals, als der Gletscher ihn brutal vom hohen Fels abbrach, lebten nur wenige Menschen, und sie hausten in Höhlen. Bald sind sie wieder soweit.

Zeuge der Eiszeit – ein lakonischerer Titel etwa als Justizrat. Zum Zeugen jedoch gehört die Aussage, stumme Zeugen sind meist zwecklos. Deshalb pflegten die grausamen Völker der Vorzeit, inhuman, wie sie waren, den Gefangenen, deren belastende Aussage sie fürchteten, kurzerhand die Zunge herauszuschneiden. Es handelte sich dabei sicher um Analphabeten, denn aufschreiben konnten sie ihre Aussage anscheinend nicht, oder man enthielt ihnen die Keilschrifttafel und den Meißel vor. Wahrscheinlich aber wurde das Schreiben schon zu jener Zeit als gefährlich angesehen.

Doch wer Ohren hat und nicht nur Ohrmuscheln, der hört auch die Steine reden. Kurz bevor der Zug weiterfuhr, vernahm ich durch das offene Fenster ein seltsames Raunen, das sich mit dem einsetzenden Räderrollen harmonisch vermischte und mich allmählich in Schlaf versetzte. Es war ein Monolog des Steins. Auch der Stein sah etwas verschlafen aus, grau unter einem grauen Himmel; er sprach in einer Art von Trance, wie es prophetische Personen oft zu tun pflegen.

„Urmensch, Höhlenbär, Mammut, Renntier,“ so zitierte er das Konversationslexikon, aus dem ihm eine begeisterte Verehrerin die interessante Schilderung seines Geburtsjahrtausends vorgelesen hatte. Er feierte es ab und an, so wie die Menschen Geburtstag feiern. „Quartär, Erlöschen der Vulkane, Urstromtäler, Fluß- und Küstenbildung, Gletscher von Skandinavien über Mitteldeutschland und von den Alpen bis zur Donau ...“ Er wurde persönlich! „Von den Alpen stamme ich her. Ich bin ein Findling. Man weiß nicht, wer meine Eltern waren. Eines Tages wurde ich vom Gletscher hier niedergelegt, als sei es die Tür eines Waisenhauses. Aber das Eis hat mich nicht in der Gletschermühle zermahlen. Die Moränen und der Schutt haben mich nicht 300 Meter hoch bededct, wie sie es mit meinen Kollegen bei Hamburg taten. Ich habe eine kräftige Konstitution und bin ein Überlebender. Trotzdem macht es keine Freude, zu leben, es ist immer dasselbe, was um mich herum geschieht: einmal sind es wenige Menschen, einmal gar keine, und kaum glaube ich, daß sie endlich ausgestorben sind, da wimmeln sie schon wieder tausendfach vermehrt durcheinander. Diese Menschen müssen zu einer sehr niederen Art von Lebewesen gehören...“

Er seufzte: „Und sie nehmen auch gar keine Vernunft an. Ihre lächerlichen Erfindungen behüten sie keineswegs vor den Katastrophen, die sie aus reiner Sensationsgier entfesseln, jedesmal unter anderen Motiven, unter anderen Fahnen und Sinnsprüchen. Wenn die Erde keine Eiszeit für sie bereit hat, dann sorgt ihre Wissenschaft für einen vollkommenen Ersatz. Noch nennt man ihn Krieg ...“