Von Lovis H. Lorenz

Auf den ersten Blick wirkte das Atelier kahl mit der Staffelei, dem rohen Zeichentisch und den schmucklosen Schränken; es offenbarte erst später, wie heilsam seine klösterliche Stille war, welche Belebung von seiner nüchternen Atmosphäre ausging. Im Vorraum standen Bücher, und durch die großen Fenster sah man auf Bäume; das war trostreich.

„Selbstverständlich können Sie hier wohnen“, sagte mein Bekannter. „Dort in der Ecke ist Schlafgelegenheit. Sie schreiben, ich male, da werden wir uns nicht stören. Und wenn ich abends nach Hause gehe, gehört Ihnen das Feld allein.“

Zunächst verreiste er jedoch für einige Wochen. Meist saß ich am Fenster, blätterte in den Büchern, ohne folgerichtig zu lesen, oder sah zu, wie der Juni des Jahres 1945 in die ziemlich räudigen Gärten einzog. Niemals kam Besuch, und ich entbehrte ihn auch nicht. Nach den allzu vielen Ereignissen ereignete sich nun nichts mehr. Mir war zumute wie einem, den eine Sturzflut mitgerissen und, nachdem sie sich verlaufen, halb ertrunken und mit zerschlagenen Gliedern im Schlamm liegengelassen hat. Es war nicht nur alles, was einstmals das Leben ausmachte, verloren; auch die Gedanken und Gefühle waren zu bloßen Stichworten geschrumpft, auf die nichts erfolgte, wenn ich sie mit zögerndem Verlangen aussprach. Fröstelnd hüllte ich mich in den abgetragenen Schlafrock meines Bekannten und griff zu den Büchern, ob mir nicht aus ihnen das Leben wiederkehren wollte.

Eines Tages klopfte es nun doch. Ein junges Mädchen stand vor der Tür, blond und frisch, Lebenseifer in den Augen und anmutig trotz der unter den Arm gepreßten ungefügen Rolle, so recht, was Schopenhauer einen Knalleffekt der Natur nennt.

„Guten Tag, Herr Professor“, sagte sie. „Ich heiße Brigitte Marks und möchte gern auf die Kunstschule. Man hat mich zu Ihnen geschickt, Sie möchten sich doch einmal meine Zeichnungen ansehen. Oder störe ich heute?“

Es lag mir auf der Zunge, sie über ihren Irrtum aufzuklären; aber da es sie sicher enttäuscht hätte und da sie mir so besonders gut gefiel, kam mir etwas anderes in den Sinn. „Kommen Sie nur herein, mein Fräulein“, sagte ich. „Packen Sie aus, was Sie mitgebracht haben, ich sehe gern etwas Schönes.“