Erstaufführung der Kammeroper von Leo Justinus Kauffmann in Hamburg

Die Konsequenz, mit der die Hamburger Staatsopersich für das moderne Schaffen einsetzt, ist ebenso bewundernswürdig wie das Stilgefühl, das den Operndirektor Dr. Rennert dabei leitet. Was aber ist dieses Stilgefühl anders als das Bewußtsein eines Menschen, aus dieser unserer Zeit zu sein, ihrer Entwicklung, ihrer Deutung zu dienen mit aller Liebe und allem Mut! Als Günther Rennert nach Hamburg kam, haben die Hamburger nicht gewußt, welches Glück ihnen inmitten eines sonst ziemlich profillosen Theaterlebens mit dieser Berufung zuteil geworden. Heute ehrt es die Hamburger, daß sie solch wegweisender Fortschrittlichkeit mit Verständnis und Anteilnahme, ja zum Teil mit Begeisterung folgen. So wurde auch die Erstaufführung von Leo Justinus Kauffmanns Oper "Das Perlenhemd" ein voller Erfolg, dem nur wenige aus Leidenschaft konservativ eingestellte Gäste nicht beipflichten wollten.

Welch merkwürdiges Zusammentreffen: Das moderne Schaffen entdeckte die Kammeroper neu, das gelöste Spiel auf kleiner Bühne, die Intensität des Kammerorchesters, das auf den sinnlichen Klangrausch verzichtet und gleichsam in einer Synthese von Kargheit und Keuschheit in neue geistige Bezirke vorstößt, in der die große Geste keine Gültigkeit hat, und die Bomben des Krieges ließen im Meer großstädtischer Zerstörung nur noch Inseln frei, nur wenige Möglichkeiten, denen die Kammeroper noch am ehesten gerecht wird. Der Komponist des "Perlenhemdes", eine der bei uns selten gewordenen Begabungen, von denen Großes zu erwarten war, einer dessen wir heute so notwendig bedürften, weil er – wie es sein Landsmann, der Dichter René Schickele, war – ein kultureller Mittelsmann im westlichen Raum sein könnte, ist den gleichen Bomben zum Opfer gefallen. Uns ist seine bereits in Straßburg uraufgeführte Oper geblieben als ein Zeugnis reinster, keuschester Musikempfindung und einer Kulturgesinnung, an der gewiß nicht zufällig einmal das Erbe des in Frankreich entwickelten Impressionismus, zum andern eine ganz und gar deutsche Innigkeit beteiligt ist.

Fernöstlich ist der Stoff aus dem chinesischen Märchenkreis, die Geschichte vom glitzernden Perlenhemd, das der scheidende Gatte seiner Frau als Symbol der Treue um die Schultern legt und das auf Wanderschaft gerät; die schuldlos Schuldige empfängt mit dem Perlenhemd zugleich den Gatten zurück. Nahöstlich sind poetische Reminiszenzen, die der am Textbuch beteiligte Komponist dieser Handlung einfügte: nämlich Stimmungen aus den Liedern des Hafis. Sparsamkeit von Ton – und gesprochenem Wort (es scheint, daß die moderne Kammeroper von Rezitativen als Überleitungen zu den Arien wenig hält), durchaus gesangliche Melodien von leicht archaisierendem, den Kirchentonarten zuneigendem Gepräge, ein zartes Gewebe polyphoner Orchesterstimmen, zärtlich verschlungen, sanft charakterisierend und doch sich näherer Betrachtung als streng logisch gefügt offenbarend – dies sind die Vorzüge der Partitur, die mehr als einmal verrät, daß wir im Kunstausdruck des Mittelalters eine Orientierung für die eigene, uns nur dunkel bewußte Sehnsucht finden können.

Die Regie Rennerts hielt sich fern von jeder Pose und bot so erfülltes Theater, daß man des Theaters vergaß; die Bühnenbilder Sierckes verrieten im gebotenen Rahmen der Sparsamkeit einen feinen, intuitiv arbeitenden Künstler, und Schmidt-Isserstedt bewies sich wiederum als der sorgfältige Dirigent und der große Wissende um die Geheimnisse der Moderne. Hätte sonst – dies nebenbei – sogar das ins Kammerorchester eingefügte Saxophon so rührend fromm geklungen, wie wenn ein Weltkind betet? Josef Marein

"Die Bernauerin", Carl Orffs neue Oper, ist die nächste Uraufführung des Württembergischen Staatstheaters. – Vom Schauspielhaus in Baden-Baden wurde die Tragikomödie "Herr Dionysos" von Egon Vietta erworben.