Den Sport als adlige Übung und als Wettkampf gab es in allen hervorragenden Kulturen. Die Bilder an den Wänden alter Paläste und die Gewohnheiten der Oberschicht, wie sie überliefert wurden, beweisen dies – einerlei, ob es sich um ägyptische oder um indianische Reiche und Kulturen gehandelt hat. Man kann sogar beobachten, daß, je abgeschlossener und je älter eine Kultur war, das sportliche Ideal um so inniger mit dem erzieherischen und geistigen Ideal verbunden war. Die Prinzen des Inkareiches in Peru mußten vor Tausenden von Jahren schon sportliche Ehren erwerben, um in die Gemeinschaft der Oberschicht aufgenommen zu werden. Diese indianische Oberschicht, die wundervolle Paläste und Städte und eine künstlerisch bestimmte Lebenseinstellung besaß, stellte den sportlichen Erfolg dicht neben den Erfolg in geistigen Dingen. Die Ritterprüfung, welche die junge indianische Oberschicht ablegen mußte, war ziemlich ähnlich den Prüfungen, die das adlige Mittelalter und die persischen und maurischen Oberschichten von ihrer Jugend verlangten. Die jungen Leute mußten beweisen, daß sie gebildet und feinsinnig waren, daß sie keine Furcht kannten, daß sie eine noble Gesinnung besaßen und daß sie Außerordentliches im sportlichen Wettkampf zu leisten verstanden. Der Ausdruck Athlet bedeutete damals alles andere als einen Berufssportmann und schon gar nicht etwa ein Muskelbündel. Diese Auffassung des Sportsmannes haben erst die Römer populär gemacht, und von den Römern wurde dieser Begriff hier und da in unsere Zeit übernommen.

Es kamen sogar bemerkenswerte Verwechslungen vor; zum Beispiel bei der Deutung der Wandbilder, die in Kreta im alten Reich des Minos gefunden worden waren. Diese Wandbilder zeigten verschieden angezogene Figuren; die einen waren in kunstvoll geknüpfte und gefaltete Gewänder gehüllt, die andern hatten nur kurze Hosen und Trikots an. Die Gelehrten schlossen daraus, daß in Kreta der Sport den Sklaven überlassen worden sei. Sie hatten einfach übersehen, daß man sich, damals wie heute, zum Sport anders anzieht als zu feierlichen Handlungen. Die Kultur in Kreta geht auf das Jahr 2000 vor Christo zurück. Die Kreter waren eine wahrscheinlich blonde Mittelmeerrasse, ähnlich den Etruskern und den Philistern der Bibel. Erst 1000 Jahre später lebte Homer, der doch im Grunde eine sagenhafte Erscheinung ist, und 1500 Jahre später erst begannen sich die Griechen zu regen. Also in Kreta, das damals eine Art London war und neben Ägypten eines der mächtigsten Staatsgebilde darstellte, waren die jungen Leute, die in kurzen Sporthosen und Trikots ihre Stierkämpfe abhielten, genau dieselben Angehörigen der Oberschicht, die am Abend in feierlichen Gewändern zum Gottesdienst erschienen. Die Könige waren damals alle auch noch Priester, und es bestand in dieser in sich noch runden und klaren Welt eine innigeVerbindung von Religion, Nation, Macht und Sport. Ich glaube, es war Sir Galahad, der zuerst auf den Fehlschluß der Gelehrten hingewiesen hat.

Lange nachdem die Paläste in Kreta zerfallen waren und nachdem dieses wunderbare kunstliebende Volk der Kreter verschwunden war, bauten die Griechen ihre Kultur auf, zu der die Pflege des Sports gehörte. Man weiß genau, daß der Sport bei den Griechen alles andere als ein Rekordunter nehmen war, in dem der größte Muskelapparat den Sieg davontrug. Olympia war ein Ort, an dem sich die Elite der Nation präsentierte. Die olympischen Spiele waren von einem Gottesfrieden begleitet; es wurden während der Spiele berühmte Dichter und Schriftsteller empfangen, und die Religionskraft der Griechen gab den sportlichen Spielen Inhalt. Die Riesentempel des Zeus und der Hera umrahmten das heilige Feld, und die Teilnehmer mußten schwören, daß sie die Bedingungen des nationalen Spiels erfüllen würden. Bestimmte Sieger wurden dadurch geehrt, daß eine Säule mit ihrem Namen in der Nähe der Götterheiligtümer im heiligen Bezirk aufgestellt wurde. Alles dies beweist, daß die olympischen Spiele kein Tummelplatz für Muskelathleten waren, sondern daß das gebildete und fromme Hellas sich bei diesen Spielen einen Repräsentanten suchte, der außer seiner Bildung und seiner Frömmigkeit auch zugleich in der körperlichen Übung ein Meister war. Alle Figuren, welche die Griechen nach ihren jungen Athleten, die ja schließlich das griechische Volk und seine Stämme symbolisierten, geschaffen haben, zeigen Körper, in denen ein hoher und gebildeter Geist wohnen mußte. Alle diese Figuren zeigen Stirnen und Augen, die eine hochgemute Geistigkeit ausdrücken.

Erst die Römer haben diese Einstellung zum Sport zerstört. Als Griechenland römische Kolonie wurde, übernahmen die Römer die griechischen Sportspiele, aber sie übernahmen nicht die Idee. Die römischen Spiele wurden reine Schaukämpfe, bei denen es nur auf die Geschicklichkeit und geistlose Kraft ankam. Der Professionalismus begann. Man sieht diese Änderung deutlich, wenn man die Büsten eines griechischen und eines römischen Athleten vergleicht. Der griechische Athlet ist ein junger Gott (oft wurden diese Büsten später dem Apollo zugeschrieben), er atmet mit jeder Muskel Geist und Vornehmheit, Bildung und Feuer. Der römische Athlet ist eine Kampfmaschine. Der Körper ist massig, um viele Schläge aushalten zu können, der Kopf ist ohne Idee, die Stirn ist klein, der ganze Charakter ist kommun, die Ohren stehen ab, und der Blick ist leer.

Wer will leugnen, daß die Büste des römischen Athleten ziemlich genau den populärsten Athleten unserer Epoche, nämlich den Boxern, ähnelt? In den Boxern, gegen deren Kunst freilich nichts eingewendet werden soll, hat sich unsere Zeit ähnliche Kampfmaschinen zum Schaukampf für die Massen gezüchtet, wie die Römer das seinerzeit taten. Von den griechischen Athleten trennt uns hier mehr als eine Welt.

Daß es trotzdem heute ein Sportgefühl und Sportleute gibt, die sich dem griechischen Ideal nähern, haben wir England zu verdanken. Seit vielen Menschenaltern werden die jungen Engländer auf ihren Schulen angehalten, Lateinisch und Griechisch zu lernen, aber auch Sport zu treiben, und Erfolge auf beiden Gebieten werden ziemlich gleich gewertet, das heißt, eines ohne das andere gilt nicht für möglich. Auf Grund dieser Erziehung und auf Grund dieser Gesinnung ist das Ideal des fair play entstanden und damit eine Auffassung des Sports, wie sie heute in der Welt in vielen Kreisen als das Ideal gilt.

Wie lange dieses Ideal noch standhalten kann, ist nicht zu übersehen. Man sieht nur das eine, daß die Amateure immer stärker aus dem Sportgebiet herausgedrängt werden, weil sie einfach nicht mehr die Zeit haben, einen großen Teil des Tages an den Sport zu geben. Unsere Epoche verlangt jeden Mann bis zur letzten Sekunde auf seinem beruflichen Posten; wir leben nicht in einer Epoche, die sich in religiös und national verbundenen und durchdrungenen Sportkämpfen ihre Idealfiguren aussucht. Verfallen wir nicht immer mehr dem Professionalismus, der aus dem Sport einen Beruf macht und ihn negiert?