Theodor Steltzer, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, wurde am 15. Januar 1945 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Er gehörte zu den unter dem Namen „Kreisauer Kreis“ bekannten Männern aller politischen Richtungen, die für die Zeit nach dem als unvermeidlich erkannten Zusammenbruch des nationalsozialistischen Systems Voraussetzungen für die Überwindung der dann drohenden Anarchie und die Grundlage für ein neues, ethisch und rechtlich begründetes Deutschland hatten schaffen wollen. Skandinavische Freunde haben durch ihr geschicktes Eingreifen die Vollstreckung des Urteils zu verzögern gewußt, bis er am 25. April 1945 aus dem berühmt gewordenen Gefängnis Berlin, Lehrter Straße 3, befreit werden konnte. In tiefer Besorgnis über die gegenwärtige Lage Deutschlands hat Ministerpräsident Steltzer Dr. Gerd Bucerius als Vertreter der „Zeit“ ein Interview gegeben.

Frage: In den Debatten über Deutschland, die kürzlich in beiden Häusern des englischen Parlaments stattgefunden haben, ist die katastrophale Lage in der britischen Zone eingehend erörtert worden. Worin, Herr Ministerpräsident, sehen Sie die Hauptursache für den auch in England immer wieder beklagten Mißerfolg der Verwaltung der britischen Zone?

Antwort: Wir haben in der Praxis der englischen Besatzung bisher wenig von der Tradition der englischen Verwaltung gespürt, die wir sogar in der englischen Kolonialpolitik bewundert haben. Wir kennen die hohen christlichen und humanistischen Ideale Englands. Wir hofften daher auf jene Achtung vor der Freiheit des Individuums, jene selbstverständliche Anerkennung der menschlichen Rechte auch des Gegners, die Fähigkeit, mit wenigen qualifizierten Kräften auch große Gebiete zu regieren und an vorhandene Einrichtungen anzuknüpfen, die für uns mit dem Begriff England und englische Führung ohne weiteres verbunden sind. Zu unserm Erstaunen sahen wir dies bei der Besatzungspolitik nicht bestätigt. Wir fanden auch nicht jenen common sense, der in der Welt als ein unveränderlicher Grundsatz englischer Politik gilt und uns eine anpassungsfähige Verwaltung hatte erwarten lassen.

Frage: Wie erklärt sich Ihrer Meinung nach diese für uns so erstaunliche Tatsache?

Antwort: Die Engländer sind anscheinend mit völlig falschen Vorstellungen nach Deutschland gekommen. Sie glaubten wirklich, mit einer deutschen „Werwolfbewegung“ rechnen zu müssen, und sie hatten augenscheinlich einen sehr seltsamen Begriff von der Unfähigkeit der Deutschen in allen Fragen der eigenen Verwaltung. Sonst hätten sie nicht einen so gewaltigen Apparat mitgebracht, um das für unfähig und aufsässig gehaltene Volk niederzuhalten und zu regieren.

Frage: Aber die Besatzungsbehörden müssen doch bald erkannt haben, daß diese Anschauung verkehrt war. Warum haben sie daraus keine Folgerungen gezogen?

Antwort: Der Apparat war nun einmal da, und es ist eine bekannte Erscheinung, daß Verwaltungen leicht zum Selbstzweck werden. Ferner müssen wir gerechter weise anerkennen, daß durch den Nationalsozialismus auch für viele unserer Freunde das eigentliche Gesicht Deutschlands einstellt war, so daß anfängliche Fehlbeurteilungen verständlich waren. Auf die Dauer einrückt aber dieser übergroße Apparat die schwachen Keime des neuen Wiederaufstiegs unter seiner Last. Da die Verwaltung so negativ wirkt und das deutsche Volk so übermäßig zu leiden hat, darf es nicht verwundern, daß die Masse der Deutschen in ihr ein Instrument sieht, um Deutschland für alle Zeiten niederzuhalten. Ich teile durchaus nicht die Auffassung der Allzuvielen, die glauben, England wolle Deutschland vernichten. Aber man muß zugeben, daß bisher die Verwaltung diesen Eindruck – gewiß durchaus ungewollt – erweckt hat.