„Wenn einer von uns beiden stirbt, zieh‘ ich nach Godesberg.“ (Rheinischer Witz.)

Die Stadt, über die es zu berichten gilt, ist eine Insel im westdeutschen Trümmermeer; ein Städtchen, obschon sie nahezu ein halbes Hunderttausend Seelen zählt, wenn man sich nicht scheut, die Menschen solchermaßen poetisch zu apostrophieren. Der Wind streicht über sie hinweg, weil sie sich in eine Talfalte geduckt hat. Über ihr thront wie ein Landsknecht ein hoher Bergfried, der beim Anblick von soviel landschaftlicher Schönheit in Träumerei versunken ist. Jenseits – der breite Strom schneidet das Tal – locken hundertfältige Berge, Kegel Sättel und Schluchten. Abends sieht man, wenn es an der Zeit ist, den Mond wie eine glühende Schusterkugel behutsam über eben diese Berge steigen, der einen sanften Strom von Geborgenheit über die Insel ergießt, obwohl er wissen müßte, daß wir das Jahr 1946 schreiben. Müßte nicht auch dieser alte Knabe schmerzlich belastet sein von der Einsicht des Unwiederbringlichen der vergangenen Zeiten? Er ist es nicht.

Es bliebe noch zu notieren: Auf einem der Berge flattert der Union Jack, auf einem andern, etwas abseits, die Trikolore, auf einem großen, man darf unbedenklich sagen weltberühmten Hotel das Sternenbanner (hier versuchte 1938 jener Premier, den sie den ollen ehrlichen Seemann nannten, obwohl ein Regenschirm zu seinem Habitus zählte, den großen Erdrutsch aufzuhalten), und das Straßenbild der Stadt selbst beleben zahlreiche belgische Flaggen. Jeden Morgen um sechs bläst ein Hornist den Soldaten zur Reveille, jeden Abend um elf Uhr zum Zapfenstreich. Alle Städte an diesem Strom liegen in Trümmern, über allen schwebt Agis, das Haupt der Medusa. Nur diese eine blieb erhalten.

Zwei junge Männer traten aus dem Bahnhofsgebäude, ließen den Blick wandern, staunten über die intakte Bahnhofsuhr und sahen dies: Hotel Kaiserhof, Deutsche Bank, Postamt, Parkhotel, Hotel Aller, sahen Jugendstilvillen, alles unversehrt, sahen und lächelten und stipsten sich ins Kreuz. Mensch, sagte der eine, ist das möglich? Im Kaiserhof spielte eine Tanzkapelle. Sie spielte Insel aus Träumen geboren. Die beiden jungen Männer lächelten und pilgerten in die Stadt. Ein Stadtbild ohne Trümmer kannten sie nicht, denn sie kamen aus dem Kohlenpott und suchten sich eine „Bude“, weil sie hier die Rechte zu studieren gedachter. Sie hatten schnell heraus: Studenten wurden als angenehmere Mieter angesehen als „so Ostflüchtlinge“. 500 angehende Juristen leben in der Stadt

Wer durch die Kaiser-, König- und Kronprinzen-, die Augusta-, Viktoria-, Hohenzollern-, Habsburger-, Wittelsbacher-, Bismarck- und Moltkestraße wandert, stellt fest, daß die Stadt einen Schuß ins Militante hat, denn sonst hießen – 1946 – die Seitenstraßen nicht außerdem noch Roon-, Lützow-, Scharnhorst-, Schenkendorf-, Körner- und Yorkstraße, Ziethen-, Goeben-, Gneisenau-, Blücher-, Sedan- und Luisenstraße. Es waren, wie man glauben mußte, Straßen saturierten Wohlstandes und seriöser Ruhe, und die Ausgeglichenheit der Verhältnisse hatte – rein optisch – etwas Beruhigendes. Nämlich: Hier saßen die Reste des Bürgertums, dessen Väter und Großväter aus den Gründerjahren stammten und die etwas von Rente und Rentabilität und vom Mehrwert verstanden. Die jungen Leute lächelten über diese exzellenten Reste einer Gesellschaftsklasse, die im Grunde doch nur noch ad hoc, für den Tod nämlich, lebte. Mitten, in dieses Idyll des Vorgestern war dann plötzlich ein völlig enterbtes, gewissermaßen das proletarische Element gerückt, die Ostflüchtlinge. In eine einstige höhere Schule, die Deutsches Kolleg hieß, eben pompösen Bau im klassizistischen Stil, den die Ruhrmagnaten ihren Söhnen als Internat gebaut hatten, zogen die Flüchtlinge zunächst ein. Die Bürger gingen vorbei und sahen, daß sie weiterkamen. Und doch ist es nur als ein Ausdruck angemessener Hochachtung zu werten, wenn heute noch, 1946, die junge Friseuse sagt: Guten Tag, Frau Oberstleutnant! Guten Tag, Frau Oberbürgermeister! Mehr als siebzig pensionierte Bürgermeister wohnen hier, ebensoviel pensionierte Pfarrer. Die Stadt nennen sie Pensionopolis, und sie nennen sie nicht nur so, weil sie dort ganz gern das Lanc der Griechen mit der Seele suchen. Denn hier geben sich, frierend selbstverständlich, obwohl nicht weitab die größten Brikettfabriken des Kontinents liegen, die Musen, des Zeus Töchter Melpomene und Thalia, Euterpe und Kalliope, Tag für Tag ein Stelldichein Polyhymnia übernimmt sich derart, laß die Leute bekümmert fragen: ob ihr noch gut ist? Denn, vier Konzerte an einem Tag, lieber Gott im Himmel, das soll nicht etwas viel sein? Statt auf den Brettern sieht man zudem den Mimen, zum Beispiel. Eugen Klöpfer, betrübt im Zuschauerraum sitzen, weil ihm die Militärregierung das Auftreten untersagte. Und Paul Kemp, einen Sohn dieser Stadt, nämlich den Ältesten des Maurermeisters Kemp, sucht man auch, vergebens auf der Bühne. Traurig ist, wie die Dichter in dieser Stadt durch die Straßen schleichen, zum Beispiel Wilhelm. Schmidtbonn und Adolf v. Hatzfeld, der Lyriker. Die Zeit geht ihnen, sie gehen der Zeit aus dem Wege.

Wir dürfen es ruhig sagen: Auch der Himmel über dieser Stadt hat sich verfinstert. Nicht nur die einst zahlreichen Millionäre, die den städtischen Finanzen erlaubten, den in Deutschland geringsten Zuschlag von nur 90 v. H. zur Einkommensteuer zu erheben, sondern auch die zahlreichen kleinen Rentner und Pensionäre, die sie „Kastennännchenrentner“ nannten, die Vertreter des Kleinbürgertums, sind in jedem nur denkbaren Sinne zusammengeschrumpft. Wer von ihnen liest nicht die Holzbröckchen an den Straßenrändern auf? Wer von ihnen zog im verwichenen Herbst nicht zum Sammeln von Bucheckern hinaus? 250 600 (zweihundertfünfzigtausend!) Pfund Bucheckern wurden allein von den Einwohnern dieser Stadt gesammelt, die ihnen 500 Zentner Margarine einbrachten. Wann je hätten sich diese alten Leutchen entschlossen, ihren goldenen Schmuck unter der Hand bei belgischen Soldaten gegen Kaffee und Fetthaltiges einzutauschen? Oder den ganzen Goethe, 30 Bände, gegen ein Pfund Bohnenkaffee? Die Renten und Pensionen sind ausgefallen oder erheblich gekürzt, die Aktienpakete wie Butter an der Sonne zerronnen. Elend und Jammer wohnen hinter allen Fassaden. Die politische Indolenz bei den legten Oktoberwahlen war nicht überraschend, aber bezeichnend. Nur 59 v. H. der Wahlberechtigten, es war die geringste Wahlbeteiligung in der britischen Zone, gingen zur Wahlurne. Die trümmerlose Stadt ist somit ein singulärer Fall einer Trümmerstadt, Nicht die Häuser, sondern alle möglichen Imponderabilien gingen in Trümmer. Übrigens leben auch Kinder hier. 42 v. H. der Schulkinder sind unterernährt, in einem benachbarten Bauerndörfchen namens Ludendorf nur 2 v. H., wobei zu bemerken bleibt, daß das Dörfchen von alters her so heißt.

Und was gerade die Kinder betrifft, so turnen sie sehr oft auf den Kohlenzügen herum, die keine Ausfahrt zur nächsten Station haben, die schon in der französischen Zone liegt. Sie turnen nicht nur so zum Spaß dort herum. Sie tun es zu einem ganz bestimmten Zweck. Der Bergfried, der träumende Landsknecht, läßt es still geschehen. Denn ähnliches hat er ja schon alles mal erlebt, zur Zeit der Raubritter, damals, als diese Stadt noch nicht Godesberg hieß, sondern Wuodensberg, von Wodan herrührend, also von den alten Germanen, wie der Ortschronist behauptet.