Wirtschaftliche Abrüstung – auch dieses Schlagwort aus dem Ende der zwanziger fahre taucht wieder auf. Für 1930 wurde eine Zollfriedenskonferenz nach Genf einberufen, um einen allgemeinen Zollabbau vorzubereiten. Für April 1947 wurde, wieder nach Genf, von den Vereinigten Staaten eine Konferenz einberufen, um in Verhandlungen mit 17 Staaten einen Zollabbau einzuleiten und das große Ziel des allseitigen Güteraustausches auf der Basis der Meistbegünstigung zu erreichen.

Die USA übernehmen mit dieser Konferenz als der Industriestaat der Welt in der Mitte dieses Jahrhunderts dieselbe Aufgabe wie Großbritannien als führende Wirtschaftsmacht in der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Auch jetzt wird der freie Güteraustausch angestrebt. Wenn auf Zölle auch vielleicht nicht ganz verzichtet werden kann, so sollen sie doch niedrig gehalten werden. Und vor allem sollen die Bedingungen im Güteraustausch für alle gleich sein. Nirgendwo soll ein Staat beim Kauf oder Verkauf schlechter behandelt werden als ein anderer. Alle die Konkurrenz einschränkenden Maßnahmen sollen fallen. – Diese Politik, die in erster Linie den Interessen der USA dient, könnte, wie die britische Handelspolitik des vorigen Jahrhunderts, einen allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung einleiten und wesentlich zur Sicherung des Friedens beitragen.

Ein solches Ziel läßt sich nicht von heute auf morgen verwirklichen. Der ersten Konferenz der wirtschaftlichen Abrüstung werden weitere folgen. Die Vorbesprechungen finden schon jetzt in London auf der Vorkonferenz für Welthandel und Beschäftigung statt. Hier wurden allerdings erhebliche Bedenken laut, speziell von den Ländern die vom Kriege stark mitgenommen wurden, wie Frankreich, aber auch von denen, die eine eigene Industrie aufbauen wollen und auf Erziehungszölle nicht verzichten möchten, wobei die Federführung bei Brasilien und Indien liegt. Diese Länder verlangen für eine Übergangszeit Sonderregelungen. Doch daran wird sicherlich die Idee der wirtschaftlichen Abrüstungen nicht scheitern, denn nach drei bis fünf Jahren wird sich das Bild so normalisiert haben, daß diese Argumente an Gewicht verlieren. Bedeutsamer erscheint uns, daß in der letzten Zeit viele Handelsverträge abgeschlossen wurden, de in völligem Widerspruch zu dieser amerikanischen Zielsetzung stehen. Vielleicht handelt es sich auch hier nur um Übergangsmaßnahmen, was sich noch nicht übersehen läßt. Aber auf jeden Fall besteht die Gefahr, daß der Güteraustausch durch diese Verträge in solche Bahnen gelenkt wird, daß später eine Revision im Sinne der amerikanischen Wünsche nur schwer möglich sein wird.

Diese Gegenkräfte gehen von den beiden Ländern aus, die nach den USA an erster Stelle stehen, nämlich von den Sowjets und von Großbritannien. Die sowjetische Politik des Außenhandelsmonopols steht in direktem Gegensatz zu dem amerikanischen Ideal, denn von freiem Wettbewerb und von gleichen Bedingungen kann nicht die Rede sein. Die Sowjetunion hat außerdem viele Länder durch Verträge wirtschaftlich mit sich eng verbunden. Am bedeutsamsten ist wohl der Vertrag mit Schweden, denn die bis dahin nach Westen orientierte schwedische Wirtschaft muß sich weitgehend auf den Osten einstellen, wenn sie bei einem Kredit von einer Milliarde Kronen die umfassenden Lieferungen an Maschinen aller Art, Lokomotiven, Anlagen für Kraftwerke und Eisenerzaufbereitung durchführt. Gleiches trifft zu, wenn die Sowjetunion von der Schweiz Lieferung von Werkzeugmaschinen und Präzisionsinstrumenten zugesagt erhält. In Dänemark kauft die Sowjetunion Butter, Speck, Käse und Vieh, und mit Island verhandelt sie wegen des Aufkaufs des gesamten Fischfangs. Hinzu kommen die sehr engen Verbindungen mit den Ländern ostwärts des Eisernen Vorhanges, die Verknüpfungen, die sich aus den Reparationslieferungen ergeben und die Vorstöße der Sowjetunion in den pazifischen Raum. Überall tritt das Außenhandelsmonopol auf, und überall wird genau vereinbart, welche Mengen und zu welchen Preisen geliefert werden. Ein freier Wettbewerb ist ausgeschlossen.

Auch die Handelspolitik Großbritanniens sieht, mit den amerikanischen Idealen im Widerspruch. Dies gilt besonders für die drei großen Verträge, die Großbritannien mit Kanada, Argentinien und Dänemark über die Lieferung genau festgelegter Mengen an Getreide, Fleisch und Erzeugnissen der Milchwirtschaft zu ebenfalls vereinbarten Preisen geschlossen hat. Da ist kein Raum für einen Dritten. Großbritannien ist sich ferner darüber im klaren, daß es bei den Verhandlungen mit seinen Gläubigern auf Methoden eines Zusatz-Ausfuhrverfahrens nicht verzichten kann. Wenn die Gläubiger die während des Krieges aufgelaufenen Pfundforderungen zurückverlangen, wird Großbritannien ihnen sagen: Ich kann leider nur zahlen, wenn ihr Gläubiger zusätzlich neben dem üblichen Güteraustausch britische Waren abnehmt. Die Einfuhr wiederum muß Großbritannien beschränken, weil es sich die Einfuhr von nicht notwendigen Gütern nicht leisten kann. Dies bedeutet ebenfalls, daß Großbritannien vom freien Güteraustausch abgeben und den Außenhandel genau festlegen muß, wie etwa im Vertrag mit Frankreich.

Diese „Unsitte“ der Kompensationsgeschäfte, der mengenmäßigen Festlegung der Ein- und Ausfuhr greift immer mehr um sich und wird auch von Ländern übernommen, die dafür kaum zwingende Notwendigkeiten anführen können und sich zu den Grundsätzen des freien Güteraustausches bekennen. Ein Beispiel dafür ist der Handelsvertrag Argentiniens mit Spanien. In diesem ist genau festgelegt, daß Spanien 1947 von Argentinien 400 000 Tonnen Weizen und 120 000 Tonnen Mais bezieht, 1948 300 000 Tonnen Weizen und 100 000 Tonnen Mais und in den folgenden drei Jahren 90 v. H. seines Einfuhrbedarfs. Die Vereinigten Staaten und andere Länder können also nicht im freien Wettbewerb mit Argentinien um den spanischen Markt finden. Den andern Getreidelieferanten Ist der spanische Markt verschlossen.

Sind diese Verträge nur Übergangserscheinungen? Von britischer Seite wird diese Frage bejaht. Es wird vor allem auf zwei Momente hingewiesen; einmal darauf, daß diese Abkommen über Lieferung bestimmter Mengen fast nur Agrarerzeugnisse beträfen und solche Vereinbarungen nicht so schwerwiegend seien wie für Industrieerzeugnisse. Für Industriewaren würden sie einer Begrenzung des Verbrauches und der Produktion gleichkommen. was bei der augenblicklichen Ernährungslage für Agrarerzeugnisse nicht der Fall wäre. Der zweite Gegenhinweis ist, daß Großbritanniens Verträge mit Ländern des Sterlingblocks einen anderen Charakter haben als Verträge mit anderen Ländern. Das würde also bedeuten, daß die Wirtschaft des Sterlingblocks als ein in sich einheitlicher Teil der Weltwirtschaft ein besonderes Gesicht haben würde.