Am 30. November waren es 100 Jahre her, daß Friedrich List, dieser große Nationalökonom, der geistige Wegbereiter des Zollvereins, der Förderer unserer Eisenbahnen, starb. Verzweifelt über das Scheitern all seiner Pläne hat er sich erschossen.

Aber es bedarf kaum dieses Gedenktages, um uns an die wirtschaftlichen Ideen Friedrich Lists zu erinnern. Sie sind von fast unheimlicher Aktualität. Vielleicht deshalb, weil unsere Wirtschaft heute wieder auf den Entwicklungsstand von 1846 zurückgeworfen ist.

Zu Lists Zeiten hatte in Europa nur England seine wirtschaftlichen Möglichkeiten voll ausgenutzt und mit Hilfe seiner hochentwickelten Industrie alle wirtschaftlichen Konkurrenten hinter sich gelassen. Die Zauberformel, die solche Entwicklung ermöglicht hatte, hieß: „Freihandel“, eine Formel, die Adam Smith und seine Epigonen geprägt hatten. Deutschlands Industrie steckte noch in den Kinderschuhen. Bis 1834 bestand nicht einmal eine Zolleinheit, geschweige denn eine Wirtschaftseinheit, ohne die an eine Entwicklung der Industrie nicht zu denken war. Klarer als seine Zeitgenossen hat List die Wirtschaftsaufgaben der Zukunft erkannt: Die Überwindung der Räume durch moderne Verkehrsmittel wie die Eisenbahnen und die Überwindung der Grenzen durch Zoll- und Wirtschaftsunionen. List dachte nicht nur an eine deutsche Wirtschaftseinheit. Er erstrebte eine europäische Wirtschaftskoalition. Mindestens forderte er eine enge Wirtschaftsverflechtung Deutschlands mit Holland und Belgien und einen ständigen Güteraustausch mit den Staaten des europäischen Südostens. Wirtschaftseinheit auf europäischer Basis: Mit diesem Gedanken ist List nicht nur seiner, sondern sogar unserer Zeit voraus.

Für List war der Welthandel noch ein Kampf aller gegen alle, in welchem jede Nation versuchen mußte, so gut wie möglich abzuschneiden. Für ihn gab es darum nur die Alternative: Freihandel für die hochentwickelten Staaten, Protektionismus mit hohen Zöllen für die zurückgebliebenen. Die wirtschaftliche Frontenbildung ist freilich noch heute kaum anders als zu Lists Zeiten. Auf der einen Seite stehen die hochentwickelten Staaten, denen nichts Besseres geschehen kann als eine vollkommen freie Wirtschaft mit dem Abbau aller Zollschranken: an der Spitze die Vereinigten Staaten, in denen bereits List die zukünftige erste Wirtschaftsmacht der Welt sah.

Zur zweiten Gruppe gehören diejenigen Nationalwirtschaften. die den zweiten Weltkrieg zur Industrialisierung benutzten – Argentinien, Kanada und Australien – und nun für ihre Weiterentwicklung Schutz durch Handelsschranken brauchen. Bei den Welthandelskonferenzen tritt aber noch eine dritte Gruppe von Staaten auf den Plan: Es sind die ursprünglich hochentwickelten Industriestaaten, die durch den Krieg so gelitten haben, daß sie sich mit den Vereinigten Staaten nicht mehr messen können.

Am schwersten ist die Wirtschaft Deutschlands angeschlagen. Zu Lists Zeiten war die deutsche Wirtschaft schutzbedürftig, weil sie noch jung war. Heute bedarf sie des Schutzes, weil sie schwer mitgenommen und nicht mehr intakt ist. Der Verlust an Sachwerten ist nicht das Entscheidende. Entscheidend sind die Verluste an „produktiven Kräften“, zum Beispiel an Bevölkerung und Boden. Für eine derartig empfindlich gewordene Wirtschaft hätte Friedrich List jeden nur denkbaren Schutz gegen Störungen von außen gefordert. Statt dessen ist unsere Industrie stärkeren Belastungen ausgesetzt als je eine Wirtschaft zuvor. Sie wird durch Rohstoffmangel, Demontagen, die Unordnung des Geldwesens und schließlich die schlechte Ernährung und dadurch schlechte Leistung der Arbeiter ständig noch weiter geschwächt. Friedrich List forderte vor 100 Jahren Schutzzölle für die Industrie. Wir hoffen nur noch auf eine Schutzzeit, damit sie als Rekonvaleszent wenigstens einen Teil der früheren Kraft zurückgewinnen kann. N.