Einmal wieder vor vollen Schaufenstern stehen, einmal wieder in Ruhe unter Hemdenstoffen und Krawatten aussuchen – das ist nicht nur für uns Deutsche, sondern auch für viele Engländer ein frommer Wunschtraum. Großbritannien kann es noch nicht bieten; „austerity“, freie Verzichtleistung und Enthaltsamkeit, ist dort Trumpf. Aber die Schweiz ist hilfsbereit eingesprungen. 10 Millionen Pfund hat sie im März als Kredit zur Verfügung gestellt, damit Großbritannien Waren in der Schweiz kaufen und die Engländer sich am Vierwaldstätter oder am Genfer See von den Sorgen des Alltags erholen können. 75 Pfund dürfen diese englischen Touristen für die „Reise ins Paradies“ mitnehmen. Dafür können sie in den besten Hotels einen Monat gut leben und außerdem sich zu manchem Kauf verlocken lassen. Die Schaufenster in Zürich oder Genf übten nun offensichtlich auf die Engländer eine stärkere Anziehungskraft aus, als vorgesehen war. Denn im Nu waren die 10 Millionen Pfund, die bis zum April reichen sollten, verbraucht. Zum Wintersport werden daher nur wenige Engländer in die Schweiz fahren können.

Viele Touristen haben nämlich, um die 75 Pfund zu erhöhen, die verschiedensten Schliche angewandt und dabei auch manches getan, was ein Verstoß gegen die britische Devisenordnung ist. Meist haben sie die Eisenbahn-Hin- und -Rückfahrkarten und die Hotelrechnungen schon im voraus in London bezahlt, so daß die 75 Pfund als „Taschengeld“ blieben. Ja Reiseschecks, die nur in Frankreich eingelöst werden können und wenig reizen, weil der Place Vendöme noch nicht seinen alten Glanz wiedererlangt hat, wurden mit dem Aufdruck: „Zahlbar in der Schweiz“ bei den englischen Banken präsentiert, aber nicht eingelöst. Sie sind nun ein peinliches Streitobjekt.

Die Findigsten erkannten sehr bald, daß man bei Spritztouren nach Italien märchenhafte Sachen, vor allem Damenunterwäsche und Spitzen, zu niedrigsten Preisen kaufen kann. Die Gehälter und Löhne werden nämlich in Italien so niedrig gehalten, daß sie für 90 v. H. der Bevölkerung nicht reichen, um nur die Hälfte des Notwendigsten zu kaufen. Die Erzeugnisse der Mailänder Industrie müssen so billig wie möglich angeboten werden, damit immerhin eine gewisse Käuferschicht in Frage kommt. Diese Käuferschicht sind aber nur noch Schwarzmarkthändler, vom Kaufkraftüberhang Lebende und die Fremden. Die Fremden wiederum sind durch die Aufschläge für Devisen am Schwarzen Markt begünstigt. Der amtliche Pfundkurs von 403 Lire gilt nur noch formell für gewisse Verrechnungen und ist praktisch seit Februar durch 900 ersetzt. Am Schwarzen Markt bekommt man außerdem für 1 Pfund bis zu 2000 Lire. Der schwarze Kurs schwankt natürlich sehr. Wer keine Beziehungen hat, muß sich mit 1200 begnügen; aber im allgemeinen erhält man 1600 Lire für 1 Pfund und damit die Waren mindestens halb so billig wie in der Schweiz. Noch vorteilhafter ist ein Umweg über den Schweizer Franken. Ein Pfund bringt 17 Schweizer Franken, ein Schweizer Franken 160 Lire, also ein Pfund 2700 Lire.

Weder die Schweiz noch Italien sind über diesen Ausverkauf erbaut. Die Schweiz will künftig das Gepäck der abfahrenden Engländer schärfer unter die Lupe nehmen. Für Italien ist die Lösung nicht so einfach. Hier ist eine Währungssanierung notwendig, etwa die Legalisierung des schwarzen Kurses von 1600 Lire für 1 Pfund, verbunden mit den drastischen Maßnahmen des Notenumtausches und der Vermögensabgabe. dror.