Nach der schwersten Wahlniederlage, die die amerikanische Arbeiterschaft bisher erlitten hat, wagt John L. Lewis, die wenn auch umstrittenste, so doch stärkste Persönlichkeit der amerikanischen Arbeiterbewegung, der Führer der bestorganisierten und finanziell am solidesten fundierten Gewerkschaft, mit dem Kohlenarbeiterstreik den größten sozialen Machtkampf gegen den Staat, der nach dem Kohlenarbeiterstreik im Frühjahr die Gruben in eigene Regie übernahm, gegen weite Kreise der öffentlichen Meinung, die sich mit ihrer Stimmabgabe für die Republikanische Partei gegen die „trustartige Machtstellung“ der Gewerkschaften ausgesprochen haben, gegen den republikanischen Kongreß, der möglicherweise einen arbeiterfeindlichen Kurs einschlagen werde, und gegen die Unternehmer, die die Löhne den Preiserhöhungen nicht anpassen wollen. Getragen vom Vertrauen seiner Bergarbeiter und gestützt von den andern Gewerkschaften, insbesondere von den großen Zentralverbänden AFL und CIO, will der 66jährige Bergarbeiterführer zeigen, daß die Kraft der Gewerkschaften ungebrochen ist – und möge dabei die Welt an Hunger und Kälte zugrunde gehen.

Die Gewerkschaften sind an sich parteipolitisch neutral, aber bei der Schwäche der Arbeiterpartei, die nur im Staat New York etwas besagt und es dort nicht einmal auf eine halbe Million Stimmen brachte, politisch doch sehr einflußreich, weil sie die Stimmabgabe für die arbeiterfreundlichen Kandidaten beeinflussen Diese Kandidaten sind, ähnlich wie 1942, nun aber meistens schon bei den Vorwahlen, die innerhalb der beiden großen Parteien über die Aufstellung entscheiden, durchgefallen. Das PAC, die politisch aktivste Organisation der Arbeiter, hat nur 56 Abgeordnete und sechs Senatoren durchbringen können, die Bruderschaften der Eisenbahner von 188 vorgeschlagenen Abgeordneten nur 81 und von 23 Senatoren nur fünf. Nach den vielen Streiks im vorigen Winter und Frühjahr sind nämlich viele Amerikaner unter den Einfluß der Parole gekommen, daß die Gewerkschaften sich heute ähnliche Machtmißbräuche erlauben wie die Trusts um die Jahrhundertwende und somit zu einer Bedrohung der Demokratie und der Ideale von 1776 geworden seien. Wie die Macht der Trusts durch das Anti-Trustgesetz, so müßte, wie die Gegner der Gewerkschaften argumentieren, heute die Macht der Gewerkschaften durch ein Anti-Streikgesetz gebrochen werden. John L. Lewis sei derselbe Typ wie die rücksichtslosen Unternehmer des jungen Kapitalismus. Er sei aus demselben Stoff, Fleisch von ihrem Fleisch und trete dem Präsidenten nicht als Bürger und Diener des Staates gegenüber, sondern als Bevollmächtigter einer sich dem Staate gleichstellenden Macht.

Der republikanische Kongreß wird dieser vorwiegend von der Republikanischen Partei geschaffenen Stimmung Rechnung tragen müssen und wollen. Die Gewerkschaften sollen wieder zu Korporationen werden, die einst wie die Bruderschaften der Eisenbahner als Gentlemen mit den Eisenbahngesellschaften verhandelten und stolz darauf waren, daß Streiks nie in Erwägung gezogen zu werden brauchten – bis dann 1943–44 diese logenartigen Verbände im Wettstreit mit Lewis sich durch die Eisenbahnerstreiks an die Spitze der radikalen Front stellten. Aber wie kann man durch eine Gesetzgebung diesen Zustand herbeiführen? Wie kann die Macht der Gewerkschaften und Streiks eingeschränkt werden, ohne die Koalitionsrechte und das Streikrecht der Arbeiter an sich anzutasten? Wie kann verhindert werden, daß durch Streiks das Wohl der Gesamtheit in Gefahr gerät? Wie ist ein Schiedsverfahren zu gestalten, das weder die Arbeiter noch die Unternehmer zu dem schwächeren Teil macht? Diese Fragen beschäftigen den Kongreß speziell seit 1942, ohne daß sie beantwortet werden konnten. Zu arbeiterfeindliche Formeln scheiterten bisher am Veto des Präsidenten, haben aber jetzt, nach dem Wahlsieg der Republikaner und der Wahlniederlage der Arbeiter-Kandidaten, mehr Aussicht auf Erfolg.

Die Gewerkschaften sehen diese Gefahren und stützen John Lewis, wenn er Jetzt dieser Entwicklung zuvorkommen will, indem er vor Zusammentritt des Kongresses zumindest noch hinreichende Lohnerhöhungen durchsetzt. Lewis hält den augenblicklichen Zeitpunkt für den denkbar günstigsten. Die Kohlenvorräte sind gering. Die Gefahr eines Rückschlags wird verstärkt, wenn Kohlenknappheit überall in Einstellungen zwingt. Eine schwere Krise droht. Die Regierung kann auch gegenüber den Klagen des Auslandes wegen ausbleibender Kohlen- und Nahrungsmittellieferungen nicht gleichgültig bleiben, Truman muß aus parteipolitischen Gründen der Forderungen der Gewerkschaften mehr Beachtung schenken als der republikanische Kongreß; die öffentliche Meinung erkennt an, daß Lohnforderungen objektiv berechtigt sind. Die Stellung von Levis weist aber auch empfindliche Schwächen auf. Von den 49 Millionen Arbeitern sind nur 15 Millionen gewerkschaftlich organisiert. Die andern 34 Millionen sind zum Teil gleichgültig, zum Teil unter den Einfluß der antigewerkschaftlichen Propaganda gekommen. Die Gewerkschaften befinden sich somit politisch nach der 12jährigen Unterstützung durch Roosevelt in einer gewissen Krise. Sie waren unter Roosevelt zu schnell gewachsen, hatten zu viele Rechte erhalten, sind nur für einige Zweige solide fundiert, wie Kohlenbergbau und Eisenbahnen, und außerdem sind die Gegensätze zwischen den großen Verbänden und den Einzelgewerkschaften wie auch zwischen den Führers, wie William Green von der AFL, Philipp Murray von der CIO, John L. Lewis von den Kohlenarbeitern und A. F. Whitney von den Eisenbahnern, so erheblich, daß sie immer nur zeitweise überbrückt werden können.

John L. Lewis hat den großen Wurf gewagt und damit wohl eine Welle der Streiks ausgelöst Ob er den Weg konsequent zu Ende gehen wird, kann niemand sagen, denn er ist unberechenbar und läßt sich nicht in seine Karten sehen. Es ist möglich, daß juristische Formeln eine Lösung balc zulassen, es ist aber auch möglich, daß der Streit länger ’auert als der 50tägige dieses Frühjahrs Ein solcher Streik wäre für Amerika und die Wel eine Katastrophe.

W. G.