Das andere, den Kunden der Rue de la Paix so wenig bekannte Paris, ist das der roten Vororte, der engen Gassen von Boulogne-Billancourt und St. Denis; es ist das Paris der Fremdarbeiter, das mehr als 100 000 Italiener, 50 000 Polen. Russen, Chinesen, Araber beherbergt. Wenn diese Fremdarbeiter auch gelegentlich einen sozialen Unruheherd darstellten – zuletzt 1936 – so waren sie doch stets eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Das so dünn bevölkerte Frankreich, das 110 Millionen Einwohner zählen würde, wenn seit 1700 an Stelle des Geburtenrückgangs die Bevölkerungsentwicklung ähnlich gewesen wäre wie im übrigen Europa, braucht die fremden Kräfte, wenn die Schätze des Landes nicht verkümmern sollen: im Bergbau, in den Steinbrüchen, in der Landwirtschaft, den Großbetrieben und Fabriken, in denen Qualitätswaren hergestellt werden. Einst veranschlagte man bei der Anwerbung von Ausländern, daß es billige Kräfte wären, billig auch in dem Sinn, daß man sie in Zeiten der Krise leicht, abschieben konnte, wie es 1930 mit den Polen geschah. Dieser Punkt fällt heute, da die Nöte größer sind als je, nicht ins Gewicht. Allein die Industrie braucht eine Million Menschen; der Bergbau sucht mehrere Hunderttausend, auch Landwirtschaft und Handwerk haben nicht Hände genug.

Junge und leistungsfähige Männer sind aber überall gefragt. Das einzige nennenswerte Ergebnis langer Verhandlungen ist bisher die Aussicht auf eine Einwanderung von 300 000 Italienern. Der Bevölkerungsminister Robert Prigent Setzt sich nun seit einiger Zeit für die Anwerbung von Deutschen ein und macht seinen Vorschlag neuerdings sogar dringlich, denn es wäre mit einem Wettlauf um die deutsche Arbeitskraft zu rechnen. Er hat vorgeschlagen, deutsche Kriegsgefangene zu freien Arbeitern zu machen und nach Entfernung der Unerwünschten sogar zu französischen Staatsbürgern. Dieser Vorschlag stößt allerdings auf den Widerstand des Arbeitsministers, der die Deutschen als mögliche Unruhestifter, als „Fünfte Kolonne“, fürchtet. Außerdem weisen die Gewerkschaften und Zeitungen der Linken darauf hin, daß ein Einsatz freier deutscher Arbeiter oder gar deren Eingliederung in den französischen Volkskörper so kurz nach dem Kriege politisch und psychologisch noch nicht tragbar sei.

Wahrscheinlich geht man nicht fehl mit der Vermutung, daß bei Prigents Plan der Gedanke mitspricht, daß ein Ausgleich für die vielen Gefallenen geschaffen werden müsse, ein Ausgleich auch für die weit größere Zahl derer, die nach dem vorigen Kriege nicht geboren wurden. Fünf Millionen Menschen, vorwiegend Männer, sind notwendig, um die gegenwärtige Bevölkerungszahl von 42 Millionen zu halten. Ohne diesen Zustrom muß ein Absinken auf weniger als 30 Millionen im Jahre 1970 und damit in die Bedeutungslosigkeit befürchtet werden.

Noch spielt sich die Debatte in einer vergifteten Atmosphäre ab, wenn auch eine allmählich fortschreitende Entspannung unverkennbar ist. Deutsche und Franzosen sind im Begriff, sich wieder zu finden. Auch während der Besatzungszeit war das Verhältnis zwischen deutschen Soldaten und französischen Zivilisten im allgemeinen freundlich und nicht mehr belastet als es im Zuge jeder militärischen Besetzung geschieht. Das sehnsüchtige Verlangen vieler Deutscher nach Frankreich und französischem Geist ist ein nicht gering zu veranschlagender Faktor. Für Deutschland wäre ein Massenverlust junger Männer außerordentlich bitter; denn uns fehlen Kräfte noch mehr als Frankreich. Wir wollen jedoch auch nicht übersehen, daß hier Brücken geschlagen werden können. Dies wäre allerdings nicht der Fall, wenn, nach dem Beispiel des Altertums, die deutschen Arbeiter eine Art von Reparationsleistung darstellen sollen, oder wenn der Einsatz unter anderen unwürdigen Bedingungen erfolgt. Daran hat auch Prigent keinen Zweifel gelassen.